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INTERVIEW MIT GIORGIO MADIA


Der Choreograph und Regisseur Giorgio Madia erarbeitet momentan mit dem Staatsballett Berlin das Ballett DON JUAN zu der mitreißenden Barockmusik von Christoph Willibald Gluck. Madias Kreation um eine der schillerndsten Figuren der europäischen Kulturgeschichte verspricht ein faszinierendes Ballett-Erlebnis, bei dem die provozierend schöne Kunst der Verführung zum unwiderstehlichen Spektakel wird. Premiere der Uraufführung ist am 21. Juni 2014 in der Komischen Oper Berlin.

Der Name Don Juan ist zum Schlagwort für einen mythischen Verführer geworden, dem alle Frauen zu Füßen liegen. Über die Jahrhunderte wurde er immer wieder neu und anders auf die Bühne gebracht. Mal tragisch, mal satirisch, mal als Durchschnittsmann, mal als traurige Gestalt. Was zeichnet Don Juan in Ihrer Choreographie aus?
Don Juan ist ein Freigeist, der keine gesellschaftlichen Regeln anerkennt. Gott, König, Vater, Ehe – das alles interessiert ihn nicht, er steht für sich selbst. Am Ende jeder Fassung folgt interessanterweise die Bestrafung. Der wahre Zweck dieser Geschichte scheint zu sein, eine bürgerliche Moralauffassung zu transportieren: Wenn du so was machst, wirst du irgendwann einen hohen Preis dafür bezahlen. Das finde ich problematisch. Die wichtigen Fragen lauten: Wo findet die Strafe überhaupt statt? In diesem Leben oder in einem anderen?

Und vor allem: Vor welcher Strafe hätte dieser Mann wirklich Angst? Ich glaube, er freut sich an seinem Leben, existiert aber nur in durch die anderen, durch seine Umgebung. Ganz allein zu sein, ohne Bezug, das wäre für ihn wahrscheinlich die schlimmste Strafe.

Sie verwenden Musik von Christoph Willibald Gluck. Dessen originale „Don Juan“-Ballettmusik dauert nur etwa zwanzig Minuten. Ihr Ballett ist hingegen abendfüllend – welche zusätzliche Musik verwenden Sie?
In seinem Ballett hat Gluck sozusagen das Finale der Geschichte vertont. Er setzt voraus, dass alle schon wissen, wer Don Juan ist, nun wird er für seine Taten bestraft. Ich wollte auch die Vorgeschichte erzählen und habe dafür andere Stücke von Gluck ausgewählt. Da ist weitere Ballettmusik dabei, aber auch eine Ouvertüre und eine Symphonie. Eine Geigenvirtuosin auf der Bühne wird Übergänge zwischen den Werken spielen und so die Stücke verbinden.

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Musikwissenschaftler sind sich einig über die Bedeutung Glucks als Opernreformer, dennoch gilt seine Musik als glatt, kühl und ereignisarm. Eignen sich seine Werke überhaupt für eine so dramatische Geschichte wie die vom heißblütigen Liebhaber Don Juan?
Glucks Musik kommt ohne Pathos aus, sie bietet nur wenige dramatische Zuspitzungen. Es ist nicht leicht, aus dieser Musik heraus eine Geschichte zu erzählen, die muss man dazu geben. Man kann das auch rein dekorativ choreographieren, aber ich hoffe, den richtigen Schlüssel gefunden zu haben, um an tiefer liegende Emotionen heran zu kommen. Deshalb habe ich auch eine Symphonie ausgewählt, um Kraft und Schwung zu gewinnen. Glucks Musik gibt einen guten Rahmen vor, um die Geschichte schlicht und konzentriert zu erzählen. Das macht Spaß und bringt eine gewisse Eleganz.

Der Opernkomponist Gluck hat sehr eng mit dem Choreographen Angiolini zusammengearbeitet. Die Gattungen waren am Ende des 18. Jahrhunderts offenbar enger verbunden als heute. Sie haben kürzlich Glucks „Orpheus und Eurydike“ inszeniert, wollen Sie damit die Gattungen einander wieder annähern?
Ich habe nichts Neues erfunden, sondern benutze nur das, was schon vor 300 Jahren gemacht wurde. Der Theaterreformer Gluck hat Oper und Ballett verbunden, er wollte aber weg vom reinen Virtuosentheater mit großem Ausstattungsprunk. Er wollte eine neue Erzählweise etablieren, indem er sich gemeinsam mit den Musikern, Tänzern und Choreographen auf das Wesentliche konzentrierte. So sollte das Publikum mit einer Geschichte berührt werden, die nicht nur auf Oberflächenreize setzt. Mich interessieren Geschichten von echten Menschen. Abstrakte Ballette sind häufig austauschbar. Schön anzusehen in ihrer Virtuosität, aber doch ohne längere Nachwirkung. Mein Ziel ist es, nicht „nur“ interessant, sondern einfach gut zu sein in dem, was ich tue. Für mich öffnet sich hinter dem Theatervorhang eine andere Welt, die sich von unserem Alltag unterscheidet. Dort findet etwas Besonderes statt, deshalb lohnt es sich, sich in einen Zuschauerraum zu setzen und auf die Bühne zu schauen. Deshalb lohnt es sich auch für uns Bühnenkünstler, auf die Bühne zu gehen, und dem Publikum eine Geschichte zu erzählen, ein Erlebnis zu verschaffen. Alles andere hat für mich persönlich keinerlei Reiz.

Austauschbarkeit wird auch immer wieder den Divertissements in den großen Handlungsballetten vorgeworfen, wo die „Nationaltänze“ stereotyp abgespult werden und sich jeder ausrechnen kann, welche Genrenummer noch kommen muss. Gerade diese Divertissements appellieren aber an das Staunen des Publikums über die Virtuosität der Tänzer, an der sich nicht nur die Zuschauer erfreuen, sondern die auch den Tänzern Spaß machen kann. Gönnen Sie dem Publikum diese Freude nicht?
Selbstverständlich kann das sehr aufregend sein, wenn es gut gemacht ist, denn in diesen Momenten wird Adrenalin ausgeschüttet. Das funktioniert aber nur bis zu einem bestimmten Punkt, dann wird es ermüdend. Es kommt also darauf an, diesen virtuosen Momenten eine sinnvolle Struktur zu geben und in den roten Handlungsfaden einzubauen. Genau das versuche ich. Ich möchte die angemessene Bewegungssprache für meine Geschichte, in diesem Fall die Geschichte von Don Juan, finden. Auch diese Sprache erfinde ich nicht neu. Das basiert auf dem Bewegungsrepertoire des neoklassischen Balletts.

Je nachdem, welche Vorlage Sie anschauen, wird die Geschichte vom notorischen Frauenverführer Don Juan auch sehr satirisch und witzig erzählt. Wieviel Humor erlaubt Ihre Sichtweise?
Komisch ist immer auch ernst! Bei vielen frühen Quellen, von Tirso de Molina bis Goldoni, hat die Geschichte deutliche Züge einer Farce. Auch war „Don Juan und der steinerne Gast“ eine Spielvorlage für das Stegreiftheater. Irgendwann wird es dann aber immer sehr ernst. Ich bringe beide Elemente zusammen. Als Italiener liegt mir die Tradition der Commedia dell’ arte sehr nahe, und meine Aufgabe ist es, das Komische ernsthaft zu choreographieren, und diese Vitalität als Gegenkraft zum Tragischen einzusetzen.

Fotos: Bettina Stöß

Das Interview führte Uwe Friedrich

PREMIERE: THE NIGHTS


Mit seiner abendfüllenden Choreographie THE NIGHTS stellt Angelin Preljocaj jene Motive in den Vordergrund, die in der Überlieferung der volkstümlichen Märchen aus „Tausenundeiner Nacht“ verborgen sind und verleiht seiner Leidenschaft für orientalische Märchen Ausdruck. „Ich wage mich vor wie ein Maler, der seine Vorstellung eines phantastischen Orients zum Ausdruck bringt. Meine Vision erhält ihre Gestalt durch eine Art Kalligraphie von Affekten und Stimmungen“, so Preljocaj über seine Idee. Die Bilder, die der Choreograph entstehen lässt, sind bestimmt von Sinnlichkeit und Mystik, die den Zuschauer in erotische Phantasien entführen.
Für die Musik beauftragte Preljocaj die ihm seit langem verbundene belgische Sängerin Natacha Atlas. Durch ihre ägyptischen Vorfahren kennt sie die Erzählungen aus „Tausenundeiner Nacht“ noch aus ihrer Kindheit und bezeichnet dieses Projekt als Herzensangelegenheit. Der französische Modeschöpfer Azzedine Alaïa, der insbesondere durch seine Entwürfe für Prominente international in den Schlagzeilen ist, entwarf die Kostüme. Der aus Tunesien stammende Designer wird in Fachkreisen als einer der größten lebenden Couturiers bezeichnet.
Impessionen von den Proben zu THE NIGHTS mit dem Choreographen Angelin Preljocaj – eingefangen von Bettina Stöß.
Premiere ist am 1. Februar 2014 in der Deutschen Oper Berlin.
Weitere Termine:
01 | 07 | 21 | 25 Februar 2014
01 | 06 | 12 März 2014
03 April 2014

VLADIMIR MALAKHOV IST BERLINER KAMMERTÄNZER


VLADIMIR MALAKHOV IST BERLINER KAMMERTÄNZER Nach der gestrigen Premiere MALAKHOV & FRIENDS wurde Vladimir Malakhov in der Deutschen Oper von Kulturstaatssekretär André Schmitz im Auftrag des Senates zum “Berliner Kammertänzer” ernannt worden.Schmitz: “Vladimir Malakhov hat uns als Intendant des Staatsballetts Berlin, wie auch als Erster Solotänzer über viele Jahre zu begeistern gewusst. Er ist ein Ausnahmekünstler, der dem Staatsballett Berlin zu Weltruf verholfen hat.”Der Titel wird vom Berliner Senat für hervorragende künstlerische Leistungen und eine mindestens fünfjährige ununterbrochene Zugehörigkeit zu einem Theater verliehen.

© Emi Hariyama

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