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NEU IM ENSEMBLE


NEU IM ENSEMBLE
Aus der ganzen Welt stammen die acht neuen Tänzerinnen und Tänzer im Staatsballett-Ensemble. Wir begrüßen aus Spanien den Solisten Olaf Kollmannsperger, aus Russland Demi-Solist Nikolay Korypaev sowie Alexander Abdukarimov und Rishat Yulbarisov (beide Corps de ballet), aus Italien Giuliana Bottino (Corps de ballet), aus Moldawien Georgeta Varvaricci (Corps de ballet), aus den USA Ty Gurfein (Corps de ballet) sowie aus Deutschland Konstantin Lorenz (Corps de ballet). Alle acht „Neulinge“ haben das Training bereits aufgenommen und schon bald werden Sie diese Talente in den Staatsballett-Aufführungen auf den Bühnen der drei Berliner Opernhäuser erleben können. Die gesamte Compagnie sagt: Herzlich Willkommen!

© Fernando Marcos

INTERVIEW MIT GIORGIO MADIA


Der Choreograph und Regisseur Giorgio Madia erarbeitet momentan mit dem Staatsballett Berlin das Ballett DON JUAN zu der mitreißenden Barockmusik von Christoph Willibald Gluck. Madias Kreation um eine der schillerndsten Figuren der europäischen Kulturgeschichte verspricht ein faszinierendes Ballett-Erlebnis, bei dem die provozierend schöne Kunst der Verführung zum unwiderstehlichen Spektakel wird. Premiere der Uraufführung ist am 21. Juni 2014 in der Komischen Oper Berlin.

Der Name Don Juan ist zum Schlagwort für einen mythischen Verführer geworden, dem alle Frauen zu Füßen liegen. Über die Jahrhunderte wurde er immer wieder neu und anders auf die Bühne gebracht. Mal tragisch, mal satirisch, mal als Durchschnittsmann, mal als traurige Gestalt. Was zeichnet Don Juan in Ihrer Choreographie aus?
Don Juan ist ein Freigeist, der keine gesellschaftlichen Regeln anerkennt. Gott, König, Vater, Ehe – das alles interessiert ihn nicht, er steht für sich selbst. Am Ende jeder Fassung folgt interessanterweise die Bestrafung. Der wahre Zweck dieser Geschichte scheint zu sein, eine bürgerliche Moralauffassung zu transportieren: Wenn du so was machst, wirst du irgendwann einen hohen Preis dafür bezahlen. Das finde ich problematisch. Die wichtigen Fragen lauten: Wo findet die Strafe überhaupt statt? In diesem Leben oder in einem anderen?

Und vor allem: Vor welcher Strafe hätte dieser Mann wirklich Angst? Ich glaube, er freut sich an seinem Leben, existiert aber nur in durch die anderen, durch seine Umgebung. Ganz allein zu sein, ohne Bezug, das wäre für ihn wahrscheinlich die schlimmste Strafe.

Sie verwenden Musik von Christoph Willibald Gluck. Dessen originale „Don Juan“-Ballettmusik dauert nur etwa zwanzig Minuten. Ihr Ballett ist hingegen abendfüllend – welche zusätzliche Musik verwenden Sie?
In seinem Ballett hat Gluck sozusagen das Finale der Geschichte vertont. Er setzt voraus, dass alle schon wissen, wer Don Juan ist, nun wird er für seine Taten bestraft. Ich wollte auch die Vorgeschichte erzählen und habe dafür andere Stücke von Gluck ausgewählt. Da ist weitere Ballettmusik dabei, aber auch eine Ouvertüre und eine Symphonie. Eine Geigenvirtuosin auf der Bühne wird Übergänge zwischen den Werken spielen und so die Stücke verbinden.

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Musikwissenschaftler sind sich einig über die Bedeutung Glucks als Opernreformer, dennoch gilt seine Musik als glatt, kühl und ereignisarm. Eignen sich seine Werke überhaupt für eine so dramatische Geschichte wie die vom heißblütigen Liebhaber Don Juan?
Glucks Musik kommt ohne Pathos aus, sie bietet nur wenige dramatische Zuspitzungen. Es ist nicht leicht, aus dieser Musik heraus eine Geschichte zu erzählen, die muss man dazu geben. Man kann das auch rein dekorativ choreographieren, aber ich hoffe, den richtigen Schlüssel gefunden zu haben, um an tiefer liegende Emotionen heran zu kommen. Deshalb habe ich auch eine Symphonie ausgewählt, um Kraft und Schwung zu gewinnen. Glucks Musik gibt einen guten Rahmen vor, um die Geschichte schlicht und konzentriert zu erzählen. Das macht Spaß und bringt eine gewisse Eleganz.

Der Opernkomponist Gluck hat sehr eng mit dem Choreographen Angiolini zusammengearbeitet. Die Gattungen waren am Ende des 18. Jahrhunderts offenbar enger verbunden als heute. Sie haben kürzlich Glucks „Orpheus und Eurydike“ inszeniert, wollen Sie damit die Gattungen einander wieder annähern?
Ich habe nichts Neues erfunden, sondern benutze nur das, was schon vor 300 Jahren gemacht wurde. Der Theaterreformer Gluck hat Oper und Ballett verbunden, er wollte aber weg vom reinen Virtuosentheater mit großem Ausstattungsprunk. Er wollte eine neue Erzählweise etablieren, indem er sich gemeinsam mit den Musikern, Tänzern und Choreographen auf das Wesentliche konzentrierte. So sollte das Publikum mit einer Geschichte berührt werden, die nicht nur auf Oberflächenreize setzt. Mich interessieren Geschichten von echten Menschen. Abstrakte Ballette sind häufig austauschbar. Schön anzusehen in ihrer Virtuosität, aber doch ohne längere Nachwirkung. Mein Ziel ist es, nicht „nur“ interessant, sondern einfach gut zu sein in dem, was ich tue. Für mich öffnet sich hinter dem Theatervorhang eine andere Welt, die sich von unserem Alltag unterscheidet. Dort findet etwas Besonderes statt, deshalb lohnt es sich, sich in einen Zuschauerraum zu setzen und auf die Bühne zu schauen. Deshalb lohnt es sich auch für uns Bühnenkünstler, auf die Bühne zu gehen, und dem Publikum eine Geschichte zu erzählen, ein Erlebnis zu verschaffen. Alles andere hat für mich persönlich keinerlei Reiz.

Austauschbarkeit wird auch immer wieder den Divertissements in den großen Handlungsballetten vorgeworfen, wo die „Nationaltänze“ stereotyp abgespult werden und sich jeder ausrechnen kann, welche Genrenummer noch kommen muss. Gerade diese Divertissements appellieren aber an das Staunen des Publikums über die Virtuosität der Tänzer, an der sich nicht nur die Zuschauer erfreuen, sondern die auch den Tänzern Spaß machen kann. Gönnen Sie dem Publikum diese Freude nicht?
Selbstverständlich kann das sehr aufregend sein, wenn es gut gemacht ist, denn in diesen Momenten wird Adrenalin ausgeschüttet. Das funktioniert aber nur bis zu einem bestimmten Punkt, dann wird es ermüdend. Es kommt also darauf an, diesen virtuosen Momenten eine sinnvolle Struktur zu geben und in den roten Handlungsfaden einzubauen. Genau das versuche ich. Ich möchte die angemessene Bewegungssprache für meine Geschichte, in diesem Fall die Geschichte von Don Juan, finden. Auch diese Sprache erfinde ich nicht neu. Das basiert auf dem Bewegungsrepertoire des neoklassischen Balletts.

Je nachdem, welche Vorlage Sie anschauen, wird die Geschichte vom notorischen Frauenverführer Don Juan auch sehr satirisch und witzig erzählt. Wieviel Humor erlaubt Ihre Sichtweise?
Komisch ist immer auch ernst! Bei vielen frühen Quellen, von Tirso de Molina bis Goldoni, hat die Geschichte deutliche Züge einer Farce. Auch war „Don Juan und der steinerne Gast“ eine Spielvorlage für das Stegreiftheater. Irgendwann wird es dann aber immer sehr ernst. Ich bringe beide Elemente zusammen. Als Italiener liegt mir die Tradition der Commedia dell’ arte sehr nahe, und meine Aufgabe ist es, das Komische ernsthaft zu choreographieren, und diese Vitalität als Gegenkraft zum Tragischen einzusetzen.

Fotos: Bettina Stöß

Das Interview führte Uwe Friedrich

DIE GOLDENEN REGELN


Der russische Choreograf Alexei Ratmansky spielt in “Namouna” mit den Konventionen des Balletts

Sandra Luzina besuchte Ratmansky bei der Probe zu “Namouna” beim Staatsballett Berlin und sprach mit dem derzeit gefragtesten Choreografen in der Welt des klassischen Balletts.

Alexei Ratmansky hält es während der Probe nicht auf seinem Stuhl. Der russische Choreograf feilt gerade an einem Trio aus seinem Ballett “Namouna”. Immer wieder springt er auf und zeigt den Tänzern Marian Walter, Rainer Krenstetter und Alexej Orlenco die Schritte. “Schneller!”, ruft er ihnen zu, “das Bein gestreckt!” Bei allem Elan wird doch höchste Präszsion verlangt. Die Arbeit mit Ratmansky – das sieht man gleich – ist überaus fordernd. “Die Tänzer werden schwitzen”, verspricht er denn auch beim anschließenden Gespräch im Foyer de la Danse. Und fügt noch hinzu: “Es ist ein sehr ehrlicher Tanz.” Denn es seien Schritte aus der danse d’école, da könne ein Tänzer nicht schummeln.

Alexei Ratmansky ist derzeit der gefragteste Choreograf in der Welt des klassischen Balletts. Der 45-Jährige wird wie ein Retter verehrt, der den akademischen Tanz revitalisiert, indem er ihn mit einer zeitgenössischen Energie auflädt. Alle großen Compagnien reißen sich um den gebürtigen St. Petersburger, der seit einigen Jahren in New York lebt. Das Staatsballett Berlin übernimmt nun das Ballett “Namouna”, das er 2010 für das New York City Ballet kreiert hat.

Vladimir Malakhov und Alexei Ratmansky kennen sich noch aus der Bolschoi-Ballettschule, wo sie dieselbe Klasse besucht haben. “Vladmir und ich haben Russland ungefähr zur selben Zeit verlassen”, erzählt Ratmansky. “Unsere Generation ist hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen. Als dann die Öffnung kam, war es für uns eine Notwendigkeit, zu gehen und neue Erfahrungen zu sammeln.” Schnell wurde ihm klar, dass er noch sehr viel lernen muss. “Ich wusste nichts von der Existenz von Nurejew und Baryschnikows. Ich hatte auch noch nie ein Ballett von Balanchine gesehen. Es war eine ganz neue Welt, die sich auftat.”

Von 1992 bis 95 war er beim Royal Winnipeg Ballet in Kanada engagiert, danach tanzte er von 1997 bis 2002 als Solist am Königlich Dänischen Ballett in Kopenhagen. Als Choreograf hat er sich einen Namen mit der Wiederbelebung von Klassikern sowie von Werken aus der Sowjet-Ära gemacht. Seine Neufassung von Schostakowitschs Kolchosen-Tanzoperette “Der helle Bach” brachte ihm dann den Chefposten beim Bolschoi-Ballett. Fünf Jahre leitete er die weltberühmte Compagnie. Ein gefährlicher Job, wie man seit dem Säureangriff auf seinen Nachfolger Sergei Filin weiß. Wenn man ihn fragt, wie er diese Zeit überlebt hat, entgegnet er: “Ich bin Russe. Ich habe selbst die Bolschoi-Schule besucht – ich weiß, wie es dort läuft. Es war alles zusammen: Drama, Stress, Inspiration und Glück.” Nein, er bereue die fünf Jahre als Ballettdirektor des Bolschoi nicht. Doch er hat dann wohl zum richtigen Zeitpunkt das Weite gesucht. Seitdem läuft alles wie am Schnürchen. Er konnte schnell Fuß fassen in Ne  w York, 2009 wurde er Artist in Residence beim American Ballet Theatre, zuvor hatte ihn schon das New York City Ballet umworben.

“Namouna” zur Partitur von Edouard Lalo aus dem Jahr 1882 könnten manche für eine Parodie halten. Doch Ratmansky will sich keineswegs lustig machen über das Ballett, beteuert er: “,Namouna’ zelebriert die Konventionen des Balletts des 19. Jahrhunderts – man könnte sie auch die goldenen Regeln nennen.” Auch wenn es auf den ersten Blick wie ein Handlungsballett aussieht, wird doch keine Geschichte erzählt. Dafür ist “Namouna” eine wunderbare Extravaganza. Der Held, der nach seiner Liebsten sucht, trägt einen Matrosenanzug und trifft auf eine Schar von Nymphen. Außerdem tritt eine rauchende Ballerina auf. Da es sich um ein “grand divertissement” handelt, ist eine Suite von brillanten Tänzen zu sehen, die das choreografische Raffinement Ratmanskys demonstrieren. Dass das klassische Ballett eine überholte Kunst ist, findet er nicht. “Die Sprache des Ballets inspiriert mich, ich glaube auch nicht, dass sie altmodisch ist. Es kommt darauf an, wie du sie benutzt und wofür.”

Schon zu Schulzeiten wurde ihm klar, dass er Choreograf werden will. Nun genießt er es, dass er sich als Freelancer ganz auf seine choreografische Arbeit konzentrieren kann – und dass er Verschiedenes ausprobieren kann. “Als Freischaffender darf ich Fehler machen – mehr als am Bolschoi”, sagt er. Er hat jüngst wieder fürs Bolschoi inszeniert. “Wir sind nicht geschieden”, bestätigt er. Doch er macht keinen Hehl daraus, dass er sich in der amerikanischen Ballettszene sehr wohlfühlt. “Ich schätze Balanchines Ästhetik sehr – und auch seine Ethik”, betont er. Bei Balanchine stehen die Choreografie und die Musik im Vordergrund. Nicht die Stars. “Es geht nicht um Dramen, sondern um Bewegungen. Das ist ein sehr schöner Zugang zum Tanz.”

RATMANSKY | WELCH
Staatsoper im Schillertheater: Premiere 22.3., 19.30 Uhr. 26.3., 19.30 Uhr und 30.3., 18 Uhr

Erschienen am :  27.02.14 in der SPIELZEIT
DER TAGESSPIEGEL – Beilage für Theater, Musik und Tanz
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