ZEHN FRAGEN AN VLADIMIR MALAKHOV


Mit stehenden Ovationen und Jubel wurde Vladimir Malakhov nach der letzten TSCHAIKOWSKY-Vorstellung am 14. Juni 2014 von seinem Publikum verabschiedet. Wir hatten zuvor einen Aufruf gestartet und Euch gebeten, Eure letzte Chance zu nutzen und eine Fragen an Vladimir zu stellen. Etwas, was Ihr schon immer von ihm wissen wolltet. Wir haben die zehn interessantesten, schönsten, originellsten und am häufigsten gestellten Fragen ausgewählt und sie Vladimir gestellt.

Welche neue Erfahrung würden Sie gern noch in Ihrem Leben machen?
Ich habe viele Projekte, die in den nächsten Jahren realisieren möchte. Auch viele Anfragen und Angebote. Das was ich jetzt schon weiß, kann ich erzählen. Über den Rest sage ich lieber noch nichts, weil da noch nicht alles genau geplant ist. Es sind nicht unbedingt große Geheimnisse, doch ist es immer besser, nichts zu erzählen, bevor nicht alles in trockenen Tüchern ist.

Im September gehe ich nach Kuba. Dort wird der Gran Prix de Malakhov verliehen. Dann organisiere ich Ende September die Verleihung des Taglioni-Preises hier in Berlin. Im Sommer wurde ich noch zu einigen Kursen eingeladen, bin häufig Jury-Mitglied, werde auch ein wenig tanzen. Also viele neue und schöne Dinge, die auf mich zu kommen werden.

AbschiedVladimir166_h450Sie haben mit wunderbaren japanischen Tänzer in Berlin gearbeitetet, einschließlich Shoko Nakamura, Emi Hariyama und Mari Kawanishi. Wird Ihr neuer Job in Tokio die Rekrutierung internationaler Tänzer gehören, und wenn ja, planen Sie europäische Tänzer nach Japan zu holen?
Es ist eine japanische Compagnie. Ich kann nicht einfach sagen, ich bringe „ausländische“ Tänzer mit. Dennoch plane ich, dass evtl. internationale Gasttänzer die Titelrollen einiger Stücke tanzen könnten. So stelle ich mir das vor.

Behalten Sie Ihre Wohnung in Berlin? Freund und Hund bleiben auch hier, in Berlin?
Die Hunde bleiben hier in Berlin. Ich kann sie bei Freunden unterbringen. Mein Apartment werde ich ebenfalls behalten. In meiner freien Zeit werde ich versuchen, so oft es geht nach Berlin zurück zu kommen.

Vladimir, Sie sind ein großes Vorbild für meinen 7-jährigen Sohn. Was würden Sie ihm antworten, wenn er Sie fragt, wie er reagieren soll, wenn ihn seine Mitschüler hänseln, weil zum Ballett geht?
In der Vergangenheit war es vielleicht einmal lustig, jemanden zu hänseln der Ballett tanzt. In der heutigen Zeit ist es doch fast normal, dass auch Jungs in den Ballettunterricht gehen. Es ist doch nicht lustig, sondern ein wundervoller Beruf, für den man jedoch viel Disziplin braucht. Wahrscheinlich sind die Anderen einfach nur eifersüchtig, dass er macht, was ihm Spaß macht, was er liebt und daran Freude hat.

Werden Sie etwas vom Staatsballett Berlin vermissen, wenn ja was?
Natürlich werde ich etwas vermissen. Das ist eine sehr emotionale Frage für mich. Ich lasse meine „Familie“, meine „Kinder“ in Berlin zurück. Meine Compagnie und „meine“ Tänzer, die ich habe wachsen und größer werden sehen. Was sie durchlaufen haben, um dieses Niveau zu haben, wo sie jetzt sind. Ich bin besorgt, um das was in der Zukunft aus dem Staatsballett Berlin wird.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor? Würden Sie gerne choreographieren?
Ehrlich gesagt, habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Erstmal möchte ich alles sacken lassen, und mich auf meine neue Arbeit einlassen. Beim nächsten Treffen kann ich vielleicht mehr sagen …

Würden Sie in einem möglichen zweiten Leben alles genauso machen? Auch wieder Tänzer werden?
Ich weiß es nicht. Das kann ich wirklich nicht beantworten. Ich weiß nicht, ob ich ein zweites Leben haben werde…

Was war Ihr bisher schlechtestes bzw. bestes Erlebnis auf einer Gastspielreise?
Ich glaube, die besten Dinge waren immer, dass die Compagnie ihr bestes gegeben hat. Es gibt nicht wirklich schlechte Erlebnisse, die ich mit Gastspielreisen verbinde. Natürlich kommt es immer wieder zu kleineren Problemen, dass z.B. die Technik nicht funktioniert oder irgendwas mit den Flügen oder den Visa nicht klappt. Aber im Großen und Ganzen ist immer alles gut gegangen. Die beste Gastspielreise, die ich erlebt habe, war die Reise mit dem Staatsballett nach Japan. Die Organisation war so perfekt, ich habe mich wirklich aufgehoben gefühlt. Das ist meine „Nummer 1“.

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Original-Sofa des Staatsballetts Berlin

Das Staatsballett Berlin ist nun bereits seit drei Jahren in der Deutschen Oper untergebracht. Die großen, lichtdurchfluteten Räume und das Foyer de la danse, längst ein Treffpunkt des Austausches zwischen Tänzern und Freunden, sind zu einer neuen Heimat geworden.

VERSTEIGERUNG

Eines der Schmuckstücke des Staatsballetts Berlin könnte nun bald Ihres sein: Ein Sofa im neobarocken Stil, hochwertig gepolstert und mit einem geblümten Gobelin-Bezug, befand sich lange Jahre im Gang der Ballettdirektion in der Staatsoper Unter den Linden. Nicht wenige Tänzer erholten sich dort zwischen den Proben oder trafen sich zu einem Gespräch. Vladimir Malakhov, Intendant des Staatsballetts Berlin, brachte es während des Umzugs aus der Staatsoper in die neuen Räume des Staatsballetts in der Deutschen Oper.

Um dem Education-Bereich des Staatsballetts Berlin, Tanz ist KLASSE! e.V., etwas zugutekommen zu lassen, wird dieses gut erhaltene Sofa nun versteigert. Der Erlös kommt dem Verein Tanz ist KLASSE! zu, der mit dem Kinder- und Jugendballett „Tanz ist KLASSE! – Kinder tanzen“ momentan die neue Produktion „Hänsel & Gretel“ erarbeitet.

Schreiben Sie uns einfach eine Email mit Ihrem Angebot an h.koepke@tanz-ist-klasse.de . Der Auktionsschluss ist am Freitag, 27. Juni 2014. Der Meistbietende erhält das Sofa, das zur Abholung im Foyer de la danse auf Sie wartet. Sollten sich mehrere Personen unter den Höchstbietenden befinden, werden wir diese Personen gesondert kontaktieren.

Spenden werden darüber hinaus natürlich gerne entgegengenommen:
Tanz ist KLASSE! e.V. | IBAN: DE94 1012 0100 6200 0000 00 | BIC: WELADED1WBB | Weberbank Actiengesellschaft
Bei Rückfragen und für weitere Informationen erreichen Sie uns unter 030 34 384 166. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht unter Angabe Ihres Namens und einer Rückrufnummer, sollten Sie uns nicht persönlich erreichen.

INTERVIEW MIT GIORGIO MADIA


Der Choreograph und Regisseur Giorgio Madia erarbeitet momentan mit dem Staatsballett Berlin das Ballett DON JUAN zu der mitreißenden Barockmusik von Christoph Willibald Gluck. Madias Kreation um eine der schillerndsten Figuren der europäischen Kulturgeschichte verspricht ein faszinierendes Ballett-Erlebnis, bei dem die provozierend schöne Kunst der Verführung zum unwiderstehlichen Spektakel wird. Premiere der Uraufführung ist am 21. Juni 2014 in der Komischen Oper Berlin.

Der Name Don Juan ist zum Schlagwort für einen mythischen Verführer geworden, dem alle Frauen zu Füßen liegen. Über die Jahrhunderte wurde er immer wieder neu und anders auf die Bühne gebracht. Mal tragisch, mal satirisch, mal als Durchschnittsmann, mal als traurige Gestalt. Was zeichnet Don Juan in Ihrer Choreographie aus?
Don Juan ist ein Freigeist, der keine gesellschaftlichen Regeln anerkennt. Gott, König, Vater, Ehe – das alles interessiert ihn nicht, er steht für sich selbst. Am Ende jeder Fassung folgt interessanterweise die Bestrafung. Der wahre Zweck dieser Geschichte scheint zu sein, eine bürgerliche Moralauffassung zu transportieren: Wenn du so was machst, wirst du irgendwann einen hohen Preis dafür bezahlen. Das finde ich problematisch. Die wichtigen Fragen lauten: Wo findet die Strafe überhaupt statt? In diesem Leben oder in einem anderen?

Und vor allem: Vor welcher Strafe hätte dieser Mann wirklich Angst? Ich glaube, er freut sich an seinem Leben, existiert aber nur in durch die anderen, durch seine Umgebung. Ganz allein zu sein, ohne Bezug, das wäre für ihn wahrscheinlich die schlimmste Strafe.

Sie verwenden Musik von Christoph Willibald Gluck. Dessen originale „Don Juan“-Ballettmusik dauert nur etwa zwanzig Minuten. Ihr Ballett ist hingegen abendfüllend – welche zusätzliche Musik verwenden Sie?
In seinem Ballett hat Gluck sozusagen das Finale der Geschichte vertont. Er setzt voraus, dass alle schon wissen, wer Don Juan ist, nun wird er für seine Taten bestraft. Ich wollte auch die Vorgeschichte erzählen und habe dafür andere Stücke von Gluck ausgewählt. Da ist weitere Ballettmusik dabei, aber auch eine Ouvertüre und eine Symphonie. Eine Geigenvirtuosin auf der Bühne wird Übergänge zwischen den Werken spielen und so die Stücke verbinden.

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Musikwissenschaftler sind sich einig über die Bedeutung Glucks als Opernreformer, dennoch gilt seine Musik als glatt, kühl und ereignisarm. Eignen sich seine Werke überhaupt für eine so dramatische Geschichte wie die vom heißblütigen Liebhaber Don Juan?
Glucks Musik kommt ohne Pathos aus, sie bietet nur wenige dramatische Zuspitzungen. Es ist nicht leicht, aus dieser Musik heraus eine Geschichte zu erzählen, die muss man dazu geben. Man kann das auch rein dekorativ choreographieren, aber ich hoffe, den richtigen Schlüssel gefunden zu haben, um an tiefer liegende Emotionen heran zu kommen. Deshalb habe ich auch eine Symphonie ausgewählt, um Kraft und Schwung zu gewinnen. Glucks Musik gibt einen guten Rahmen vor, um die Geschichte schlicht und konzentriert zu erzählen. Das macht Spaß und bringt eine gewisse Eleganz.

Der Opernkomponist Gluck hat sehr eng mit dem Choreographen Angiolini zusammengearbeitet. Die Gattungen waren am Ende des 18. Jahrhunderts offenbar enger verbunden als heute. Sie haben kürzlich Glucks „Orpheus und Eurydike“ inszeniert, wollen Sie damit die Gattungen einander wieder annähern?
Ich habe nichts Neues erfunden, sondern benutze nur das, was schon vor 300 Jahren gemacht wurde. Der Theaterreformer Gluck hat Oper und Ballett verbunden, er wollte aber weg vom reinen Virtuosentheater mit großem Ausstattungsprunk. Er wollte eine neue Erzählweise etablieren, indem er sich gemeinsam mit den Musikern, Tänzern und Choreographen auf das Wesentliche konzentrierte. So sollte das Publikum mit einer Geschichte berührt werden, die nicht nur auf Oberflächenreize setzt. Mich interessieren Geschichten von echten Menschen. Abstrakte Ballette sind häufig austauschbar. Schön anzusehen in ihrer Virtuosität, aber doch ohne längere Nachwirkung. Mein Ziel ist es, nicht „nur“ interessant, sondern einfach gut zu sein in dem, was ich tue. Für mich öffnet sich hinter dem Theatervorhang eine andere Welt, die sich von unserem Alltag unterscheidet. Dort findet etwas Besonderes statt, deshalb lohnt es sich, sich in einen Zuschauerraum zu setzen und auf die Bühne zu schauen. Deshalb lohnt es sich auch für uns Bühnenkünstler, auf die Bühne zu gehen, und dem Publikum eine Geschichte zu erzählen, ein Erlebnis zu verschaffen. Alles andere hat für mich persönlich keinerlei Reiz.

Austauschbarkeit wird auch immer wieder den Divertissements in den großen Handlungsballetten vorgeworfen, wo die „Nationaltänze“ stereotyp abgespult werden und sich jeder ausrechnen kann, welche Genrenummer noch kommen muss. Gerade diese Divertissements appellieren aber an das Staunen des Publikums über die Virtuosität der Tänzer, an der sich nicht nur die Zuschauer erfreuen, sondern die auch den Tänzern Spaß machen kann. Gönnen Sie dem Publikum diese Freude nicht?
Selbstverständlich kann das sehr aufregend sein, wenn es gut gemacht ist, denn in diesen Momenten wird Adrenalin ausgeschüttet. Das funktioniert aber nur bis zu einem bestimmten Punkt, dann wird es ermüdend. Es kommt also darauf an, diesen virtuosen Momenten eine sinnvolle Struktur zu geben und in den roten Handlungsfaden einzubauen. Genau das versuche ich. Ich möchte die angemessene Bewegungssprache für meine Geschichte, in diesem Fall die Geschichte von Don Juan, finden. Auch diese Sprache erfinde ich nicht neu. Das basiert auf dem Bewegungsrepertoire des neoklassischen Balletts.

Je nachdem, welche Vorlage Sie anschauen, wird die Geschichte vom notorischen Frauenverführer Don Juan auch sehr satirisch und witzig erzählt. Wieviel Humor erlaubt Ihre Sichtweise?
Komisch ist immer auch ernst! Bei vielen frühen Quellen, von Tirso de Molina bis Goldoni, hat die Geschichte deutliche Züge einer Farce. Auch war „Don Juan und der steinerne Gast“ eine Spielvorlage für das Stegreiftheater. Irgendwann wird es dann aber immer sehr ernst. Ich bringe beide Elemente zusammen. Als Italiener liegt mir die Tradition der Commedia dell’ arte sehr nahe, und meine Aufgabe ist es, das Komische ernsthaft zu choreographieren, und diese Vitalität als Gegenkraft zum Tragischen einzusetzen.

Fotos: Bettina Stöß

Das Interview führte Uwe Friedrich

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