TERMINE, TOURNEEN, TEXTE UND TANZGESCHICHTE


Petra Konerding ist Referentin der Intendanz und hat ein vielfältiges Wirkungsfeld.  Sie hält die Fäden in Hand, managt Termine, schreibt Texte, organisiert die Tourneen des Staatsballetts Berlin und betreut  die zahlreichen  internationalen Gäste und Produktionsteams.

Die neue Spielzeit 2015/16 hat begonnen. Was liegt auf Ihrem Schreibtisch?

Der Countdown läuft. Wir starten mit einem großen Projekt  in die neue Saison.  Das Staatsballett Berlin geht am 1. September  auf Tournee nach Spanien. Am Teatro Real in Madrid zeigen wir an fünf Abenden  die beiden Produktionen Dornröschen und einen dreiteiligen Abend mit Choerographien von Nacho Duato und Marco Goecke. Die Organisation einer Tournee ist Puzzel mit vielen Teilen.

Ein großes Projekt. Wie umfangreich ist die Planung?

Für 125 Personen heißt es, die Flüge und das Hotel zu organisieren und die Reiseunterlagen vorzubereiten. Dieser Reise geht ein intensiver Abstimmungsprozess mit der Technik, Maske und Kostüm, Licht- und Tonabteilungen mit der Deutschen Oper Berlin und der Staatsoper im Schiller Theater  voraus , an diesen Häusern werden die Produktionen in Berlin gezeigt. Mehr als  40 Kollegen der beiden Opernhäuser  begleiten die Tournee.  Auf meinem Schreibtisch haben sich viele Detailinformationen gesammelt, die zusammengeführt werden müssen. Konzentration ist mein Mantra in diesen Tagen.  Natürlich schwingt immer ein wenig Nervosität und die Frage: wird alles klappen? mit – aber ich werde das Ensemble nach Madrid begleiten  – eine wunderbare Perspektive.

Petra Konerding in der Staatsoper im Schiller Theater bei Proben zu "Anonymous" von Jiří Kylián

Petra Konerding in der Staatsoper im Schiller Theater bei Proben zu “Anonymous” von Jiří Kylián

… und nach der Tounee? Wie sieht für Sie ein gewöhnlicher Arbeitsalltag aus?

Darf ich lächeln? Gewöhnliche Arbeitstage im Staatsballett sind für mich von Seltenheit – jeder Tag ist neu, jeder Tag ist spannend. Mein Tätigkeitsprofil ist sehr abwechslungsreich. Im Zentrum meiner Arbeit seht der Begriff Kommunikation:  für die Stellvertretende Intendantin, Frau Dr. Theobald, und für den Intendanten, Nacho Duato, kümmere mich um die interne und externe Terminorganisation, verwalte die Spielplanung, stimme Vorstellungstermine  mit den Dirigenten ab, schreibe Texte. Für das Format “Ballett-Universität“  kooperiert das Staatsballett-Berlin seit vier Jahren mit dem Institut für Tanzwissenschaft der FU Berlin. Dabei stehen  die Stückeinführungen vor den Vorstellungen  und „lectures“ mit Referenten aus Tanz-, Theater- und Kulturwissenschaft auf dem Programm. Auf der Seite des Staatsballetts Berlin bin ich für dieses Format die erste Ansprechpartnerin.  Im Focus dieser Saison steht das vielversprechende  Thema „Berlin als Bühne – Stadtporträt aus der Perspektive des Tanzes“. 

Jetzt sind wir auf Ihren beruflichen Background neugierig geworden!

Vor dem Hintergrund meines Studiums der Ethnologie, Kunstgeschichte und Romanischen Philologie und einer Zusatzausbildung zur Vertriebs-und Marketingassistentin  war dieser Beruf nicht unbedingt absehbar – vor dem Hintergrund meiner Interessen und Leidenschaften für die Musik, den Tanz und die Oper,  ist ein persönlicher Traum in Erfüllung gegangen.  Er begann 2005 mit meiner Position  als persönliche Assistentin des 1. Generaldirektors der Stiftung Oper in Berlin, Michael Schindhelm. Nach meinem Studium war ich zunächst zwei Jahre als wissenschaftliche Volontärin in einer der größten Afrika-Sammlungen Deutschlands, dem Linden-Museum in Stuttgart, tätig. Praktika in renommierten Kunstverlagen, dem Belser Verlag (Stuttgart)  Phillipp von Zabern (Mainz) und später auch Thames & Hudson (London) waren dann ausschlaggebend für meine berufliche Laufbahn. Über zehn Jahre war ich dann im den Verlagen R. Piper Verlag und der Deutschen Verlags-Anstalt für die Autorenlesungen und  -betreuung zuständig, habe für Persönlichkeiten wie  Marcel Reich-Ranicki , Jehudi Menuhin, Sarah Kirsch und Carlos Fuentes, Sten Nadolny Veranstaltungen organisiert und sie  auf Lesereisen begleitet.

Diese Erfahrung kommt Ihnen jetzt zugute?

Unbedingt.  Mit der Betreuung der internationalen Gäste, wie zuletzt KYLWORKS und in dieser Spielzeit dem Norwegian  National Opera and Ballet, aber auch den vielen internationalen Choreographen und Solisten, die vom Staatsballetts Berlin eingeladen werden, schließt sich die berufliche Linie zu einem Kreis.

NEU IM ENSEMBLE: JULIA GOLITSINA


Julia Golitsina hebt ihre Stimme nicht gegen den Lärm im Foyer de la Danse. Sie spricht ruhig und bedacht. Dass sie vor wenigen Monaten noch als Erste Solistin am Moscow Classical Ballet getanzt hat, lässt sie nicht durchscheinen – genauso wenig wie die Tatsache, dass sie für das Staatsballett zum ersten Mal ihr Heimatland verlassen hat, Anton Chekhov anhimmelt oder letztens im Studio ein Kindheitsidol getroffen hat.

Du tanzt seit zwei Monaten im Corps de ballet des Staatsballetts Berlin. Was waren deine ersten Gedanken?

Es ist mein erstes Engagement im Ausland. Alles ist neu und anstrengend, aber ich bin stolz hier zu sein. Ich wollte etwas Anderes versuchen nach all den klassischen Balletten und habe Nacho Duatos Arbeiten schon immer bewundert.

NEU IM ENSEMBLE: JULIA GOLITSINADu klingst sehr unbeirrt – dafür, dass du in deiner bisherigen Karriere fast ausschließlich in klassischen Compagnien getanzt hast. Bist du eines Morgens aufgewacht und hast spontan den Entschluss gefasst, oder entstand dieser Wunsch erst mit der Zeit? Wie stehst du jetzt zum klassischen Ballett?

Natürlich mag ich es. Klassisches Ballett ist eine große russische Tradition und es hält sehr gut in Form. Ich denke aber, dass es zu geradlinig ist. Nur ein Weg führt zum Ziel und manchmal ist das nicht genug. Manchmal braucht es mehr Raum, sowohl psychisch als auch körperlich, und in zeitgenössischem Ballett kann man sich einfach besser ausdrücken. Ich habe noch nie einen Duato, Forsythe oder Kylián getanzt, aber das will ich unbedingt ändern. Schon damals, als ich 2011 am St. Petersburg Eifman Ballet engagiert war, hat mich diese andere Art von Ballett sehr gereizt. Es war unvergleichlich, weder klassisch noch modern, eine einzigartige Mischung aus Bewegung und Schauspiel … nicht einmal seine Tänzer konnten seinen Stil beschreiben. Es hat mich in meinem Entschluss bestätigt, etwas Neues anzustreben, und das Staatsballett Berlin war dafür meine erste Wahl.

Nachdem du inzwischen etwas Zeit mit der Compagnie verbringen konntest: gibt es etwas, das du vom Staatsballett nicht erwartet hättest?

Ich hätte nicht gedacht, dass so viele russische Kollegen hier tanzen würden! Es hilft mir ungemein. Sie unterstützen mich im Studio und auf der Bühne. Es ist immer irgendwie anstrengend, nicht im Heimatland zu sein. Ich hatte Glück, in der schönsten Jahreszeit hier angefangen zu haben. Jeder Frühling ist inspirierend und in Berlin ist er sogar noch mal ein ganzes Stück schöner. Überall wachsen Blumen und es gibt so ungewöhnlich viele Parks in dieser Stadt.

Hattest du schon Zeit, Berlin für dich zu entdecken?

Ich hatte leider kaum Zeit dafür! Berlin ist aber auch riesig. Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen und als ich für die Arbeit nach Moskau umziehen musste, fand ich die Umstellung sehr hart. Es war so stressig, dort zu leben. Berlin zeigt, dass eine Hauptstadt sich auch anders anfühlen kann.  Da ich aber zur Arbeit nur 15 Minuten zu Fuß brauche und es sonst nicht aushalte, länger shoppen zu gehen, komme ich gerade kaum dazu, mehr von der Stadt zu sehen …. Außerdem habe ich nicht so viel Papierkram erwartet. Nach der Arbeit komme ich nach Hause und setze mich wirklich ohne Umschweife an den Schreibtisch.

Erzähl uns etwas über deine Anfänge im Ballett.

Ich wusste ewig nicht, was ein Spitzenschuh oder ein Tütü war. Ich kam nur zum Ballett, weil ich es schon immer gemocht habe, mich zu bewegen und herumzutanzen. Meine Eltern gaben mir dann die Freiheit, selbst zu entscheiden, was ich beruflich verfolgen wollte und jetzt sind sie sehr stolz auf mich. Die russische Schule war aber in der Tat wahnsinnig schwer. Es hat lange gedauert, bis bei mir die wahre Faszination eingesetzt hat. Mein erstes Ballett hat mich so gar nicht vom Stuhl gerissen. Ich war neun und habe mir Schwanensee angesehen. Erst ein Jahr später, als ich zum ersten Mal in Die Bajadere saß, habe ich mich quasi verliebt. Es ist, ungeschlagen, mein Lieblingsballett. Danach habe ich die anderen Klassiker förmlich verschlungen. Dass ich in meinen ersten Monaten hier Die Bajadere tanzen darf, nehme ich fast als ein gutes Omen.

Wie bist du über die Jahre als Ballerina „gewachsen“?

Ich spüre, wie ich mich mit jedem Tag ein wenig verändere. Ich versuche, besser zu werden und vorwärts zu kommen, aber für mich existiert kein klares Bild, auf das ich hinarbeite. Ich lasse mich vor allem einfach von großen Tänzern inspirieren … wie jeder Andere auch. Polina Semionova, Diana Vishynova, Ulyana Lopatkina, Olesya Novikova, zum Beispiel.

Hast du Polina hier schon getroffen?

Ja, natürlich! Oh mein Gott. Das erste Mal war ein Schock. Ich bin ins Studio gegangen und stand plötzlich in einem Raum mit ihr. Sie ist einzigartig. Genauso fasziniert mich auch Iana Salenko. Sie gehören zu den besten russischen Ballerinen unserer Zeit.

In Russland warst du selbst sehr erfolgreich. Wie fühlt es sich an, neu anzufangen?

Ich war Erste Solistin, ja. Aber ich sage mir ständig, „Julia, natürlich ist es hart, aber du kannst das“. Ich wollte einfach erwachsen werden und das scheint der richtige Weg zu sein. Manchmal ist es überwältigend. Wenn ich nach der Arbeit in meine neue Wohnung komme, wenn ich alleine bin. Ich vermisse meinen Mann in Russland. Aber ich weiß, dass es ein Schritt zurück wäre, dorthin zurückzukehren. Ich möchte hier bleiben.

Was macht dich zuversichtlich?

Mein Mann schaut sich gerade nach Möglichkeiten um, seinen Arbeitsplatz nach Berlin zu verlegen – ich habe große Hoffnungen, dass wir schon zum Beginn der neuen Spielzeit wieder zusammen sein können. Ansonsten schaue ich mir sehr viele Videos von neuen Balletten an, und umgebe mich mit allem Möglichen, was mich inspiriert.

Also sprechen dich auch andere Künste an?

Ja, auf jeden Fall! Ich liebe es zu lesen. Am meisten Chekhov, aber das hängt von meiner Laune ab. Manchmal ist Leo Tolstoy der Richtige, oder Sergey Dovlatov von den Zeitgenössischeren.

Welchen Sorgen muss sich ein Tänzer neben dem Heimweh noch aussetzen?

Eine neue Sprache zu lernen ist sehr schwer, wenn die Zeit zum Üben fehlt. Für mich ist es wichtig, überhaupt erst einmal Englisch zu beherrschen. Deutsch kommt danach dran … dass ich meine Muttersprache hier so oft sprechen kann fühlt sich schön an, aber tut meinem Englisch gar nicht gut. Ich bin froh, damit keine Probleme in der wichtigsten Zeit des Tages zu haben. Wenn Lehrer oder Kollegen etwas erklären, verstehe ich es vielleicht nicht, aber ich kann sehen, was sie mit ihren Körpern zeigen … und das ist alles, was es braucht.

Was macht dich am Ende stolz darauf, eine Ballerina zu sein?

Ein Tänzerleben ist nicht einfach, aber das wissen wir seit unserer Kindheit. Wir sind darauf vorbereitet. Tänzer sind sehr ausdauernd und geduldig. Nach einem schweren Tag weiß ich, dass ich am nächsten Morgen aufstehen und immer die Chance haben werde, es besser zu machen.

Das Interview führte Dieu Linh Nguyen Xuan.

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Yuliya Golitsina doesn’t raise her voice against the noise in the Foyer de la Danse. She speaks in a calm and thoughtful manner. She neither suggests that she performed as a Principal Dancer at the Moscow Classical Ballet just a few months ago – nor that she’s an avid reader Anton Chekhov, has left her homeland behind for the first time or meets a childhood idol every now and then.

You came from Moscow and joined the Staatsballett Corps de ballet two months ago. What are your first thoughts on the company?

The Staatsballett Berlin is my very first company abroad and everything is new to me. It is tough but I’m proud to be here. I’ve always admired Nacho Duato’s work and wanted to try something different after all these classical ballets.

You sound quite unflinching considering that you danced in classical companies for all your professional life until now. Did you wake up one morning with a sudden resolve or did it gradually build up? How do you see classical ballet today?

I naturally like classical ballet since it’s Russian tradition and keeps you in good shape. But it follows a very straight line. There is only one way to do it and sometimes that’s not enough. Sometimes you need more space for your mind and body and I think you can express yourself better in contemporary ballet. I haven’t danced a Duato, Forsythe or Kylián yet but it has been dream of mine ever since I worked at the St. Petersburg Eifman Ballet. It was unlike anything I did before. It’s neither classical nor contemporary; it’s a style no one can define … a unique mix of dance and drama. It confirmed my decision to search for a new approach and the Staatsballett Berlin was my first choice.

Now that you’ve passed some time in the company, is there something that you did not expect from the Staatsballett?

I didn’t expect so many Russian dancers here. It helps me so much. It is support, both in the studio and on stage. To be in a country other than one’s homeland is always stressful, for every human being. I’m lucky to have started during such a wonderful time here. Spring is the season of inspiration to me and Berlin’s spring is even lovelier. There are flowers everywhere and this city has so many parks. It’s unusual.

Did you have time to explore Berlin already?

I didn’t have enough time actually! It’s such a vast city. I was raised in a little town and moved to Moscow for work back then. Living there was incredibly stressful for me but Berlin shows that a capital can sing a different tune. Unfortunately I don’t like to go shopping and have a short way to work, around 15 Minutes by feet, so I barely get carried away. I also didn’t expect so much paper work that needs to be done. In the evening, I really come home and dive straight into it.

Tell us something about your beginnings in ballet.

For a long time, I didn’t know what a pointe shoe or tutu was. I got into ballet simply because I’ve always enjoyed moving my body and dancing around. My parents gave me the freedom to choose what I want to do and it made them proud to see me succeeding. However, the Russian ballet school was hard. One thing’s for sure: the true fascination came long after I made my first steps. When I saw my first ballet, it didn’t blow my mind at all. That was Swan Lake and I was nine years old. It was not until one year afterwards, when I saw La Bayadère and really fell in love. It’s my favourite ballet. After that, I devoured all the other classics in a row. The fact that I get to dance La Bayadère in my first months over here is almost like a sign to me.

How do you “grow” as a ballerina?

I clearly feel that I change a little bit with every passing day. I try to get better and move further but I don’t have any clear image to model myself upon. I simply get inspired by great people like every other dancer … Polina Semionova, Diana Vishnyova, Ulyana Lopatkina, Olesya Novikova, to name a few.

Have you met Polina in the studios?

Yes! Of course, oh my god! The first time was a complete shock. I went into the studio and suddenly I was in the same room with her. She’s unique. Iana Salenko inspires me equally. They are the brightest Russian ballerinas of our time.

In Russia, you’ve been very successful yourself. How does it feel to start all over?

I was a Principle Dancer, yes. I keep telling myself, “Yuliya, it may be hard but you can do it”. I wanted to grow up and this is how I think it works. Sometimes it’s overwhelming, of course … when I’m in my new apartment after work and when I’m alone. I miss my husband who’s still in Russia. But I know that if I ever came back, it would be step back for me. I really want to stay here.

What makes you confident?

My husband is searching for possibilities to relocate his workplace to Berlin, so we may reunite soon. Otherwise I often watch tapes of new ballets, search for inspiration of any kind.

So there are other art forms that speak to you?

Yes! I love reading. Chekhov the most, but it depends on my mood. Often, Leo Tolstoy is the right one to pick, or Sergey Dovlatov from the contemporary scene.

Besides homesickness, to what other sorrows does a dancer expose himself?

Learning a new language is a big problem when one lacks the time for practicing. For me it is very important to first master English at all … German comes afterwards. It feels good to get to speak my mother tongue this often but it’s bad for the learning process in turn. I’m lucky to have no problems during the most important time of day. When teachers or fellow dancers explain something, I may not understand it language-wise but I see what they show with their bodies and that’s all it needs.

Speaking of so many obstacles, what makes you proud to be a ballerina?

A dancer’s life is not easy but we all know this since childhood. We are ready and prepared for it. Dancers are very enduring and patient. After a bad day, I know that I will wake up tomorrow and always have the chance to improve.

NEU IM ENSEMBLE: LUCIO VIDAL


Lucio Vidal stammt aus Buenos Aires, Argentinien, und kam Anfang dieses Jahres als Gruppentänzer zum Staatsballett Berlin. Zu seinem Engagement gab es hier und da verwunderte Reaktionen – mit 31 Jahren und einem fast gänzlich in zeitgenössischen Compagnien aufgebauten Repertoire tanzt er nun im größten klassisch geschulten Ensemble Deutschlands.

Mit Nacho Duato verbindet ihn ein gemeinsames Jahr an der Compania Nacional de Danza in Madrid. In dessen Choreographie „White Darkness“ ist Lucio Vidal seit Mai hier auf der Bühne zu sehen und hat scheinbar nicht nur bei uns Eindruck hinterlassen. Kurz bevor ich das Gespräch mit ihm beginne, tritt eine Dame an uns heran und bittet ihn um mehrere Autogramme.

Welche Bedeutung kommt Ballett in Deinem Leben zu?

Es ist ein Lebensstil, eine andere Art zu sein.

Du siehst nicht wie der übliche, klassisch geschulte Balletttänzer aus. Dein Zugang ist modern und sowohl in den Proben als auch auf der Bühne ziemlich markant.

Es fühlt sich natürlich anders an, in einer klassisch geschulten Compagnie zu sein. Ich war bisher noch nie in einem Ensemble mit mehr als 30 Tänzern engagiert. Das Training ist anders … und die Art der Einstudierung. Oder allein schon im Studio zu stehen. Die Energie, die im Raum herrscht, ist eine andere.Früher bin ich zu Proben gegangen und konnte mich ganz auf mich konzentrieren. Hier aber ist man sich den anderen bewusst und scheinbar auch darauf bedacht, ihnen etwas zu zeigen. Vor allem der Anfang war hart und verwirrend für mich.

Wie entstand Dein Wunsch, Balletttänzer zu werden?

Es hat sich mit der Zeit ergeben. Ich habe nie wirklich davon geträumt. Ich habe sehr spät angefangen Ballett zu tanzen, im Alter von 17 Jahren. Bis dahin hatte ich viele Kurse in Gesang und Theater belegt, aber nur einen in Ballett. Ich fand Ballett unsagbar anstrengend. Aber genau deswegen fing ich an, mich mehr damit zu beschäftigen. Ich nahm viele zusätzliche Stunden und am Ende kam alles zusammen. Ich erhielt einen Vertrag vom San Martin Theater und blieb dort ein Jahr. Danach habe ich eine Weile in einer klassischeren Compagnie getanzt. Es war alles sehr kommerziell dort, nicht zu vergleichen mit hier. Aber die Umstellung war schon sehr schwer. Ich lerne Ballett quasi während meiner Karriere.

© Fernando Marcos

© Fernando Marcos

Hattest Du dann Vorbilder? Sowohl Tänzer als auch Choreographen?

Ja, natürlich. Erst sie können deine Sicht prägen. Mats Ek kennenzulernen hat mich vollkommen verändert.

Von ihm unterrichtet zu werden und mit ihm zu arbeiten war unfassbar. Er hat mich gelehrt, Dinge zu erfragen und nicht allein das zu tun, was mir diktiert wird. Nicht zu kopieren. Gründe und eigene Motivationen zu finden. Neben Mats Ek bewundere ich vor allem auch Jirí Kylián und Nacho Duato.

Reizen Dich denn bestimmte Rollen? In Ihren Stücken zum Beispiel gibt es ja kaum explizite Partien.

Das stimmt. Ich liebe es, Charakter zu tanzen … aber überhaupt alles mit meinem Körper auszudrucken. In modernen Balletten gestaltet sich das natürlich schwieriger, alles ist abstrakt. Sie haben auch eine andere Sensibilität. Aber letztendlich gebe ich einer Rolle selbst Charakter, egal um welche es sich handelt. Eine Rolle braucht nicht vorgezeichnet zu sein. Jeder findet seinen eigenen Weg, sie zu tanzen. Ich riskiere es, sie „falsch“ zu interpretieren, wenn der Choreograph sich meinen Part anders vorgestellt hat, aber immerhin habe ich es auf meine eigene Art versucht. Und manchmal geben sie dir doch den Raum, um etwas Eigenes zu schaffen und zu suchen. Das ist dann der beste Fall.

Wenn es aber um die Rollenverteilung geht: steht der Solo-Moment nicht über allem? Dass man sich als Künstler hervorheben will und muss?

Eigentlich ziehe ich es vor, mit jemandem gemeinsam auf der Bühne zu stehen und nicht alleine. Dann kann ich auf ihn reagieren, Berührungspunkte knüpfen. Ich bin auch sehr schüchtern, obwohl viele meiner Mitmenschen das nicht glauben. Natürlich geht es zu einem bestimmten Maß um Wiedererkennungswert, aber dafür tanze ich nicht.

© Fernando Marcos

© Fernando Marcos

Welche Herausforderungen erwarten Dich noch?

Viele, und immer mehr. Allein deshalb, weil ich so spät angefangen habe. Von dort kommt meine Motivation, soviel Erfahrung wie möglich zu sammeln.

Dein letztes Engagement war an der Compania Nacional de Danza in Madrid. Was denkst du darüber, im September zum Gastspiel wieder in die Stadt zurückzukehren?

Es ist sehr komisch. Es ist komisch, gegangen zu sein und jetzt nach einem Jahr wieder anzukommen. Natürlich ist es nett, aber hier fühlt es sich besser an. Berlin ist unglaublich. Ich wollte schon immer hier leben und als sich die Chance dann eröffnete, ließ ich alles stehen und liegen. Alles, was ich dort geschafft habe. Ich finde es so viel einfacher, hier ein Leben aufzubauen als zuletzt in Madrid. Die Offenheit der Menschen ist spürbar. Es fühlt sich so an, als könnte ich Teil jeder möglichen Gruppe sein, solange ich nur möchte. Das ist etwas, was Madrid mir niemals geboten hat.

Es macht auch sicherlich einen Unterschied, in einer neuen Stadt zu leben. Ich kann nicht genau sagen, welchen Einfluss Berlin auf mich nimmt, da ich bisher nur in zwei Werken getanzt habe … aber wir werden sehen, was noch alles auf mich zukommt.

Das Interview führte Dieu Linh Nguyen Xuan.

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Lucio Vidal was born in Buenos Aires, Argentinia, and has joined the Corps de ballet of the Staatballett Berlin in January 2015. Surely some were startled at this engagement – at the age of 31 years and with a repertory almost fully built in contemporary companies, he now is part of Germany’s largest, classically trained ballet ensemble.

During his long term engagement at the Compania Nacional de Danza in Madrid, he also spent a year under then Artistic Director Nacho Duato. Lucio Vidal made his Berlin debut in Duato’s choreography “White Darkness” this May and has seemingly not only caught our eyes eversince. Shortly before I begin the interview, a woman approaches us and asks him for a couple of autographs.

What does ballet mean to you?

It’s a lifestyle, a different way of being.

You don’t appear like the usual classically trained ballet dancer. Your approach is modern and quite striking.

Of course it is a different feeling to be in a classically trained ensemble. I’ve never been in a company with more than 30 people before. The rehearsals are different … and the way we learn. Merely standing in the studio. The energies in there are different. In the past, I went to trainings and could completely concentrate on myself. Here, however, you are more aware of other people around you, and of the fact that everyone is presenting himself to the group. In the beginning, it was very hard. I was confused.

When did you know you wanted to become a ballet dancer?

It just developed over the time, I never really dreamt of it. I started very old, at the age of 17. I had many courses in singing and theatre, but only one in ballet. I found ballet incredibly hard but that’s exactly the reason why I began to focus on it more. I took many extra classes and it all came together in the end. I got the offer to sign a contract with San Martin Theatre. But I quit after a year and started to dance in a classical ensemble afterwards. The transition was hard. I’m actually learning ballet in the course of my career.

Did you have idols then? Both dancer and choreographer-wise?

Yes, of course. They are the ones that shape your point of view. Meeting Mats Ek has completely changed myself. Working with him was incredible. He showed me what’s important, gave ballet a whole new meaning to me. He taught me to ask myself things and not merely to do what I get told to. I don’t copy. I try to find my own reasons and motivations. And besides him, I especially admire Jiri Kylian and Nacho Duato.

Do certain roles ever appeal more to you? As for their works, there are barely explicit parts and no names.

That’s true. I like to dance characters … but above all to express anything with my body. Of course, it is more difficult in modern ballets, everything is abstract. They also have a different sensibility. But in the end, it’s up to me. Whatever part I dance, I give it character myself. A role doesn’t need to be prescribed. Everyone finds his own way to dance it. I take the risk of doing it the “wrong” way, when the choreographer imagines your part differently, but at least I try. In some cases though, they give you this space to create something on your own and search. I like that.

When it comes to roles: isn’t the “solo moment” very important after all? As artists want and need to stand out, that the audience recognizes you?

Actually, I do prefer dancing with someone together to dancing alone on stage. There you can respond, you can make “contacts”. I’m also quite shy although many people don’t think of me like that. Of course a certain part is about recognition of the audience but I still dance for myself.

What are some of the challenges ahead?

There are many and there will always be. Just for the reason that I started that late. That’s also where my motivation comes from, the wish to collect more experience.

Your last engagement was at the Compania Nacional de Danza in Madrid. What do you think about returning to the city for the tour in September?

It’s weird. It’s weird to have left and now return after a year. Of course it’s nice but I actually closed that chapter and here, it does feel much better. Berlin is incredible. I always wanted to live here and as soon as the chance came, I dropped everything. I find that creating a life here is much more comfortable than in Madrid. You can sense the open-mindedness of people. It makes you feel that you can fit in any kind of group if you like. That’s something Madrid never did for me.

It surely makes a difference to be in another city. I can’t tell what certain impact Berlin has on me since I just danced two pieces here but we’ll see what’s coming on next.

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