Was macht eigentlich…? – Einstudierung: Georgette Tsinguirides


Am 9. Februar feiern wir die Premiere von John Crankos ROMEO UND JULIA in der Deutschen Oper Berlin. Georgette Tsinguirides studierte das Stück zusammen mit Birgit Deharde in Berlin ein.

Wir haben Georgette Tsinguirides getroffen und sie hat uns viel über John Cranko und die Einstudierung von ROMEO UND JULIA berichtet. Georgette Tsinguirides hat John Crankos Version bereits mit zahlreichen Ensembles einstudiert.

Bevor ihr jedoch die Notizen lest, schaut euch doch am besten erst die Biographie von Georgette Tsinguirides auf unserer Homepage an…

Georgette Tsinguirides:

„Mittlerweile lehre ich einen Großteil der Choreographie auswendig. Vor allem die Pas de deux. Nur bei den Fechtszenen des Corps de ballet brauche ich länger und muss in meine Aufzeichnungen schauen.

John Cranko war eine große Persönlichkeit. Er war sehr gescheit, intelligent, ein großer Intellektueller und musikalisch. Er stand nie ‚auf einem Podest‘, sondern war hauptsächlich ‚einfach‘ und geradlinig, er kam auf den Punkt. Er hatte keine großen Allüren. Am Besten ist er mit den Worten ‚pure‘ und ‚real‘ zu beschreiben.

Cranko stellte alle seine Choreographien immer auf den Menschen, auf die Persönlichkeit, nicht auf den Tänzer. Er befasste sich mit den TänzerInnen und ging in die Tiefe. Das machte ihn zu einem außergewöhnlichen Menschen. Bei John kam die Einfachheit trotz Komplexität durch. Im Ballett ist sowieso die Einfachheit das effektvollste. Für ihn war die Technik bei TänzerInnen Voraussetzung, aber primär sind die Aussagen eines Tänzers über die Rolle, sozusagen der ‚Text‘.

John hatte eine Gabe, in die Zukunft zu blicken. Er hätte jeden anderen [außer mir] nach London schicken können [, um dort am Benesh Institute Choreologie zu studieren]. Aber er hatte einen sechsten Sinn dafür, zu erkennen, was zu den Menschen passt. So bemühte er sich auch darum, Aufgaben für die Tänzerinnen und Tänzer zu finden, wenn deren Karriere vorbei war. Das geht auch auf seine Menschlichkeit zurück.

In Stuttgart gibt es eine ganz besondere Atmosphäre. In dem ‚kleinen Dorf‘ Stuttgart herrscht ein starker Zusammenhalt zwischen den Tänzern und eine große, gegenseitige Hilfe. Es ist sehr behütet dort. In der Compagnie und für John war jeder gleich wichtig, es gab keine Hierarchie. Die Statisten sind genauso wichtig wie Romeo selbst. Jeder wurde gleichermaßen respektiert. Viele Menschen nehmen sich zu wichtig.

In einem Ballett sind meist nicht die Titelfiguren die spannendsten. Auch in ROMEO UND JULIA nicht. Interessant ist die Männerkonstellation: Romeo, Mercutio, Tybalt und Benvolio.

Mercutio hält die Fäden in der Hand und weiß sehr viel. Mercutio ist für mich die interessanteste Figur und sehr, sehr wichtig.

Die Einstudierung von ROMEO UND JULIA ist in jeder Compagnie anders. Das muss sie auch sein, sie darf nie gleich sein. Die Atmosphäre und Art von John Cranko muss stimmen, aber für jeden Tänzer muss die Rolle neu bearbeitet werden, es darf keine Kopie entstehen. Auch wenn es natürlich eine Beeinflussung von Solisten gibt, die die Rolle kreiert haben. Ihm waren außerdem immer Details und kleine Gesten sehr wichtig.

John Cranko konnte Noten lesen und teilte die Musik ein. Er hatte sie bereits vorher genau studiert und arbeitete gerne mit Pianisten zusammen. In der Probe hat er dann viel geschehen lassen. Die Pas de deux entstanden zum Beispiel vor allem durch die Zusammenarbeit mit den Tänzern.

Wunder passieren nicht auf der Bühne, die passieren im Ballettsaal. Wenn Tänzer das nicht verstehen, dann hat man es nicht leicht. Auch die kleinen Dinge müssen wichtig genommen werden, nicht nur die großen Sachen. Heutzutage muss man mit den Tänzerinnen und Tänzern anders umgehen und ihnen alles auf einem anderen Weg beibringen. Ich werde allerdings ungeduldig, wenn keine Aufmerksamkeit vorhanden ist. In dem Moment der Einstudierung versuche ich viel von mir zu geben und erwarte im Gegenzug, dass etwas zurückkommt.

Heute gibt es vor allem auch durch die Technik viel mehr Ablenkung als früher. Zum einen sind Videos eine Hilfe, aber nicht nur. Man kopiert dadurch vielleicht zu viel und entwickelt sich nicht selber. Außerdem sieht man vielleicht eine Aufnahme, auf der der Tänzer gerade eine kleine Verletzung hatte, weshalb er ausnahmsweise einen Schritt anders macht, als eigentlich geplant. Das erfährt man durch das Video aber nicht.“

2 Kommentare Add yours

  1. Traviata sagt:

    Gibt es denn Neuigkeiten bezüglich der Premierenbesetzung?
    Wie man hört, ist Nadja Saidakova verletzt.
    Stimmt das?
    Das tut mir dann sehr leid für Nadja und auch für ihren Partner!

  2. Ja, das stimmt, leider hat sich Nadja Saidakova verletzt.

    Zur heutigen Premiere von ROMEO UND JULIA sowie an den Folgevorstellungen am 12. und 17. Februar tanzt für die verletzte Erste Solotänzerin Nadja Saidakova die Erste Solistin Iana Salenko die Rolle der Julia. Abhängig von dieser Umbesetzung übernimmt Marian Walter anstelle von Mikhail Kaniskin die Rolle des Romeo.

    Mehr Informationen dazu gibt es hier: http://www.staatsballett-berlin.de/de_DE/news/detail/home/15624/161253

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