Ballett- Universität: Im Gespräch mit Mariama Diagne.


BildMariama Diagne, Tanzwissenschaftlerin, Koordinatorin der Ballett-Universität und ausgebildete Tänzerin, wird den morgigen Vortrag der Ballett-Universität halten. Wir haben sie zu diesem Anlass interviewt.

Mariama, wie bist du auf die Idee für dein Vortragsthema „Staksen, Kriechen, Tigern – Tierische Gangarten im Tanz“ gekommen?
Mariama: In einer Vorstellung von Preljocajs „Schneewittchen“ war mir das Reh aufgefallen. Es „ging“ ähnlich wie Nijinskys Faun in “ L´Après-midi d’un faune“. Das fand ich sehr
spannend und fragte mich, was das für Gang-Arten sind, die im Tanz, in Choreographien benutzt oder kreiert werden. Beim Suchen nach Beispielen sind mir u.a. Bewegungen wie das Staksen von Huftieren aufgefallen – so entstand dann der Titel.

Worum wird es konkret in deinem Vortrag gehen?
Mariama: Der Vortrag wird sich mit der Frage beschäftigen, wie Tänzer und Choreographen Gehbewegungen, bzw. das Fortbewegen des Körpers über die Bühne, gestalten, wenn sie bestimmte Tiere darstellen wollen.
Mit dieser Frage verbinde ich dann im Verlauf die Auseinandersetzung von
Choreographen mit Körpertechniken und versuche eine Verbindung zur Mechanik und zu Maschinen herzustellen, die in unserem Alltag immer mehr an Präsenz und Aufmerksamkeit erhalten. Nijinskys Bewegungsfolgen z.B. sind teilweise sehr mechanisch, roboterartig. Dies hängt nicht zuletzt mit der Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts, nach der Industrialisierung zusammen. Tanzanalytisch steckt in Nijinskys Choreographien aber auch die Auseinandersetzung mit mechanischen Puppen-Bewegungen (etwa Arthur Saint-Léons „Coppélia“, oder Michel Fokins „Petruschka“).
Ich versuche also anhand von vielen Beispielen die Verbindungen der Triade „Mensch-Tier-Maschine“ über die Bewegungsanalyse von Choreographien im frühen 20. und frühen 21. Jahrhundert nachzuvollziehen.

Wie ist das Konzept der aktuellen Vortragsreihe „Von Blumenballetten und Tiertänzen: Flora und Fauna als Inspirationsquellen für Bewegung“ entstanden?
Mariama: Während einer Zugfahrt, als Frau Brandstetter und ich gerade von einer Exkursion zu Proben des Bremer Tanztheaters nach Berlin zurückkehrten. Da ging es dann ganz grob um Blumen und Tiere und die Faszination, mit der sie in der Tanzgeschichte in so vielen Choreographien verkörpert worden sind. Die jeweiligen Themen zu Tiertänzen oder Blumenballetten stammen letztlich von den Referentinnen und Referenten selbst.

Du selbst bist ausgebildete Tänzerin, inwiefern ist das hilfreich bei deiner Arbeit in der Tanzwissenschaft?
Mariama: Ja das hilft mir persönlich sehr. Ähnlich wie ein Musikwissenschaftler sich schnell an den Flügel setzen kann, um die eine oder andere Melodie für sich oder im Vortrag anzuspielen, ist es ein Gewinn, mich körperlich in die choreographische Arbeit
hineinversetzen zu können.

Wie würdest du Tanzwissenschaft beschreiben?
Mariama: Zunächst einmal mit den sehr treffenden Worten von Gabriele Brandstetter: Als eine Schule des „Sehens“. Denn genau darum geht es in der Tanzwissenschaft. Mit dem Sehen schulen ist dabei nicht nur der analytische Blick gemeint, sondern eine besondere Aufmerksamkeit für Bewegung von Körpern, Objekten, Räumen oder Situationen allgemein. Diese Aufmerksamkeit und das Umgehenkönnen mit einer Tanzform, die zu den „ephemeren“, also flüchtigen Künsten zählt, ist die Herausforderung der Tanzwissenschaft.

Mit welchen Methoden kann man die Flüchtigkeit des Tanzes in der Theorie fassen?
Mariama: Fassen lässt sich die Flüchtigkeit des Tanzes nicht.
Wenn ich einen Sprung sehe, dann kann ich ihn nicht festhalten – der Sprung ist „weg“, ehe ich auch nur ein einziges Wort über diese Bewegung geschrieben habe. Aber ich kann der Frage nachgehen, wie gesprungen wird, was es bedeutet, wenn sich der menschliche Körper in bestimmten Situationen auf besondere Weise vom Boden abhebt.
Letztendlich lässt sich dann unter Umständen differenzieren: War es ein Sprung, oder ein Sturz? Oder sogar ein Ansetzen zum Flug?

Die Tanzwissenschaft weist eine enge Verbindung zur Theaterwissenschaft auf. Worin liegen die Unterschiede?
Mariama: Beide Disziplinen teilen Begriffe wie den theatralen Rahmen, die Inszenierung, die Szenographie,  die Aufführung, usw., um ihren Gegenstand: die tänzerische Darbietung, oder die theatrale Darbietung zu untersuchen. Aber bereits in der Entstehungsgeschichte unterscheiden sich beide sehr voneinander:
Getanzt hat der Mensch schon immer. Auf der Bühne vor einem Publikum beginnt die Geschichte des europäischen Bühnentanzes z.B. erst vor ca. 500 Jahren, und zwar in höfischem Rahmen. Aus der Kunst am Hofe ist eine Kunst für den Hof – und heute eine wichtiges Element unserer Kultur und Gesellschaft geworden. Wir alle haben einen Körper. Auf welch künstlerische und politische Weise sich der Mensch bewegen kann, geht uns alle an.
Die wichtigen und spannenden Entwicklungen des Theaters haben etwas andere Ursprünge.
Die Theaterwissenschaft ähnelt in ihren Praktiken, Theater und Performances zu beschreiben, der Tanzwissenschaft. Einen deutlichen Unterschied macht jedoch in der Tanzwissenschaft der Fokus auf die non-verbale Sprache, die Bewegung von Körpern.

Willst du in Zukunft einmal zurück auf die Bühne oder bleibst du in der Wissenschaft tätig?
Mariama: Ich liebe Bewegung – tanzend und schreibend. Vor zehn Jahren hätte ich nicht damit gerechnet nach New York zu ziehen, oder überhaupt daran gedacht, einmal in Berlin an der Universität zu unterrichten. Ich lasse mich also überraschen und freue mich auf das, was derzeit aktuell ist — in den nächsten Jahren also erst einmal meine Dissertation.
Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview! Wir sind gespannt auf deinen Vortrag!

Vita:

-Bühnentanz- Studium in New York
-Studium der Theater-, Medien- und Musikwissenschaften in Bayreuth
-Studium der Tanzwissenschaften in Berlin                                                                                                                                                                                Mariama Diagne hat als Tänzerin, Tanzlehrerin und als freie Autorin für Printmedien wie Zitty und Tanzraumberlin gearbeitet. Seit 2012 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Frau Prof. Dr. Gabriele Brandstetter am Institut für Theater- und Tanzwissenschaft der Freien Universität Berlin und Koordinatorin der Ballett- Universität.

Veranstaltungsort der Ballett-Universität am 4.12.12:

Freie Universität Berlin, Institut für Theaterwissenschaft
Treffpunkt (18.45 Uhr): Haupteingang, Grunewaldstr. 35, 12165 Berlin

Der Eintritt ist frei.

Bitte meldet euch an unter: ballettuniversitaet@staatsballett-berlin.de

(Das Interview wurde durchgeführt von Anita Maras.)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s