SUCHE NACH REIBUNGEN UND SCHNITTMENGEN


In dem Kooperationsprojekt MASSE zwischen dem Staatsballett Berlin und dem Berghain entwickeln die Choreographen Xenia Wiest, Nadja Saidakova und Tim Plegge zeitgenössische Choreographien zu der Musik von international bekannten und dem Berghain nahestehenden Musikproduzenten. Im Interview berichtet Tim Plegge über die Zusammenarbeit und seine Choreographie THEY.

Der Gemeinschaftsabend MASSE wird in der Halle am Berghain gezeigt. Der Club Berghain ist einer der geradezu mythischen Partyorte Berlins. Handelt es sich für Sie bloß um einen zufälligen Raum oder bestimmt der Ort auch ihre Arbeit?
Tim Plegge: Diese riesige Industriehalle wird mit Tribünen und Bars speziell für diese Veranstaltung spielbereit gemacht, auch der Künstler Norbert Bisky hat einen Spielraum geschaffen, der nicht einfach in die Halle reingestellt wird, sondern ganz deutlich Bezug auf den Ort nimmt. Die Zusammenarbeit des Staatsballetts mit dem Berghain hat auch ausdrücklich das Ziel, künstlerisch miteinander zu kommunizieren. Ein Choreograph des Staatsballetts arbeitet jeweils mit einem Musiker oder einem Team von DJs vom Berghain zusammen, der jeweils eine Komposition für das Werk beisteuert. Das sind immer elektronische Kompositionen im weitesten Sinne, also kommt die Musik wirklich von dem Ort, an dem die Choreographie dann zu sehen sein wird.

Wie funktioniert das praktisch? Wie einigen Sie sich mit dem Komponisten auf die „richtige“ Musik für die Geschichte, die Sie erzählen möchten?
Zu Beginn habe ich mich oft mit meinem Komponisten Henrik Schwarz getroffen, und wir haben uns lange darüber unterhalten, was „Masse“ für uns bedeutet, wie wir uns dazu verhalten und was an dem Thema für uns spannend sein könnte. Dann haben wir beide unabhängig voneinander gearbeitet. Ich im Ballettsaal mit den Tänzern, und Henrik Schwarz hat zu Hause erste Skizzen entworfen, die er mir zur Verfügung stellte. Dann haben wir wiederum probiert und festgestellt, dass einige Stellen auf Anhieb funktionierten und andere Stellen nicht. Nicht jede Bewegung, die wir erarbeitet hatten, passte auf die Musik. Dann ging das wie beim Pingpong hin und her. Wir haben Proben auf Video aufgenommen, die Henrik Schwarz sich angeschaut hat, dann hat er etwas dazu komponiert. Das haben wir immer weiter verfeinert, und diese synergetische Arbeit wird bis zur Premiere weitergehen. Wir haben die ganze Zeit nach Reibungen und Schnittmengen gesucht.

Foto: Tim Plegge  | © Regina Brocke
Foto: Tim Plegge | © Regina Brocke

Was hat sich in diesem Prozess als gemeinsames Interesse herausgestellt?
Wir haben schnell festgestellt, dass uns beide das Thema der Patina interessiert. Bewegung ist für mich dann spannend, wenn sie vom Kern her verstanden und gelebt wird, wenn sie nicht nur reine Form ist. Sie muss aus einer Form von Gefühl und Leben entstehen. Auch Henrik Schwarz wollte nicht bloß den kalten, elektronischen Sound, wie er oft mit Techno und elektronischer Musik assoziiert wird. Er will Spuren hinterlassen, das hat uns sehr schnell gemeinsam interessiert, und dann sind wir in diese Richtung gegangen. Uns hat der soziale Aspekt am Thema „Masse“ interessiert, Masse im Sinn von Gruppe: Wie geht der einzelne Mensch mit diesem Phänomen um? Wie kann die Masse, die Gruppe den Einzelnen beeinflussen und wie kann der Einzelne Impulse in eine Masse hineingeben. Wir haben auch Experimente zum Thema „Masse im Sinn von Gewicht“ gemacht, ich habe aber mit den Tänzern relativ schnell festgestellt, dass uns das Thema des Sozialen mehr interessiert. 

Das Staatsballett ist schon durch den Intendanten Vladimir Malakhov eher als klassische Kompanie geprägt, im Mittelpunkt des Repertoires stehen die romantischen Handlungsballette. Wie verhält sich ihre Bewegungssprache dazu?
Eine Compagnie dieser Größe hat einfach die Aufgabe, das große Repertoire zu pflegen und die klassische Ballettsprache nicht nur zu erhalten, sondern die Tradition mit Leben zu füllen. Gleichzeitig arbeiten hier kontinuierlich Gastchoreographen, die sowohl neoklassische als auch zeitgenössische Werke mit dem Staatsballett kreieren. Wir gehören zu den Jüngsten, die hier losgelassen werden. Wir dürfen aus unserem Leben und aus unseren künstlerischen Sichtweisen schöpfen. Das eine soll und darf das andere nicht verdrängen, es ergänzt sich hier sogar sehr gut.

Sie haben vorhin den Begriff der Patina gebraucht. Bildet die Tanzgeschichte, das klassische Bewegungsrepertoire mit seiner Patina die Grundierung ihrer Schöpfung?
Ich will nicht die Tanzhistorie in meinen Werken abbilden, aber ich bilde sehr gerne mit klassisch ausgebildeten Tänzern. Ich weiß schon, an welchem Ort ich hier bin, und ich bin es ganz bewusst. Ich bin schließlich selber klassisch ausgebildeter Tänzer. Ich weiß, wozu ein solcher Körper in der Lage ist, denn wir haben ein bestimmtes Handwerkszeug gelernt, mit dem wir inneren Bildern eine äußere Form geben können. Dafür ist die historisch geprägte, klassische Ausbildung sicher nicht schlecht. Man kann die Spuren dieser Ausbildung auch in meinen Arbeiten sehen, auch wenn ich sie als dezidiert zeitgenössisch verstehe. Ich möchte mich mit einem Thema auseinandersetzen, dabei den Tanz reflektieren und im besten Fall Gefühle auslösen, mit denen wir die Bandbreite dessen, was Tanz kann, noch ein bisschen erweitern. Dafür ist die Kooperation mit dem Berghain schon sehr speziell, denn hier können wir neue, ungewohnte Dinge ausprobieren.

Das Interview führte Uwe Friedrich

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