Norbert Bisky: Zum Bühnenbild


In dem Stück MASSE setzen sich die drei Choreographen des Staatsballetts Berlin auf unterschiedliche Weise mit dem Thema ‚Masse‘ auseinander. Dabei nähern sie sich dem Begriff ‚Masse‘ sowohl als physikalischem als auch als sozialem Phänomen.

In der Physik spielt Masse vor allem seit den Newton‘schen Axiomen (1687) und der Einstein‘schen Relativitätstheorie (E = mc²) eine zentrale Rolle.

Bisky Norbert (c) Michaela Kuehn
Bisky Norbert (c) Michaela Kuehn

Andererseits werden mit dem Aufkommen der Großstädte seit der Industrialisierung Massenphänomene als soziale Ereignisse erlebbar. Biologisch gesehen gilt der Mensch als Gruppentier, seit historisch gesehen kurzer Zeit aber (um 1800) beginnt er in Großstädten zusammenzuleben. Seit 2008 leben zum ersten Mal mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Heute bereits gibt es über 20 ‚Mega Cities‘ mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts wird die Erdbevölkerung auf 10 Milliarden Menschen angewachsen sein. In den künstlerischen Debatten überwiegen spätestens seit Fritz Langs „Metropolis“ (1927) die negativen Aspekte sozialer Vermassung. Auch die Apokalypse findet vorrangig in Großstädten statt. Wenn in einer Großstadt Katastrophen passieren, betrifft es viele Menschen. Große Opferzahlen, große Aufmerksamkeit, großes öffentliches Bewusstsein.

Das Bühnenbild setzt sich künstlerisch mit der Katastrophenstimmung der letzten Jahre und dem zunehmenden Skeptizismus gegenüber unbegrenztem Wachstum auseinander. Hierbei versteht sich das Bühnenbild als Kulisse und inhaltliche Klammer für drei sehr unterschiedliche Choreographien mit so divergierenden Themen wie: Religion, Vereinzelung, Energie-Urgewalten. Daneben bezieht es sich auch ganz explizit auf den Ort der Inszenierung. Im ehemaligen Heizkraftwerk wurden Megawattstunden für Berlin produziert. Heute steht der leere Innenraum nicht zuletzt auch als ein Bild für postindustrielle Nutzung.

Die Form der Bühne selbst verweist auf eine außer Kontrolle geratene physikalische Masse durch Ausläufer der Bühnenfläche zum Publikum hin, etwa wie eine überschwappende Flüssigkeit. Auslaufende Formen sind in der Kunstgeschichte spätestens seit dem Surrealismus ein wiederkehrendes Stilelement und weisen auf das nicht Kontrollierbare, nicht Einzudämmende und nicht in den Griff zu Bekommende hin. Diese ausufernden Bühnenelemente geben den Tänzern bis hin zum Bühnenrand erweiterte choreographische Möglichkeiten.

Das Licht wird neben den klassischen Perspektiven – von oben, von der Seite und von hinten – auch aufwändig unterhalb der Bühne eingesetzt und versetzt diese so in einen unwirklichen, gleichsam schwebenden Zustand.

Als drittes wesentliches Bühnenelement dient die Ruine eines abgebrannten Busses, der schräg in den Boden gerammt oder aus ihm heraus zu steigen scheint. Im Bus vereint sich das physikalische Massenphänomen (Geschwindigkeit als beschleunigte Masse) mit der sozialen Komponente: eine Gruppe von Menschen als Schicksalsgemeinschaft. Nicht zuletzt ist er ein Sinnbild für Urbanität und als Ruine ein Bild für die Gefahr des Scheiterns, des Stör- und Unfalls, des Umkippens einer Situation.

Darüberhinaus werden individuelle Bühnenelemente in Zusammenarbeit mit den Musikern und Choreographen entwickelt. Auch hier wird ein Changieren zwischen sozialen und physikalischen Aspekten von Masse visualisiert.

Nicht zuletzt verweist das Bühnenbild auch auf die Tradition der Ruinendarstellung in der Kunst. Ruinen wurden ursprünglich seit dem 16. Jahrhundert als Kontrastelemente in Bilder eingeführt oder ganz real in Landschaften hineingebaut, um die Schönheit der umgebenden Natur oder der abgebildeten Personen zu verstärken.

Ganz bewusst ist das Bühnenbild im Hier und Jetzt angelegt und unterstreicht damit die Gegenwärtigkeit dieser Neuproduktion des Staatsballetts Berlin 2013.

 

 

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