DIE GOLDENEN REGELN


Der russische Choreograf Alexei Ratmansky spielt in „Namouna“ mit den Konventionen des Balletts

Sandra Luzina besuchte Ratmansky bei der Probe zu „Namouna“ beim Staatsballett Berlin und sprach mit dem derzeit gefragtesten Choreografen in der Welt des klassischen Balletts.

Alexei Ratmansky hält es während der Probe nicht auf seinem Stuhl. Der russische Choreograf feilt gerade an einem Trio aus seinem Ballett „Namouna“. Immer wieder springt er auf und zeigt den Tänzern Marian Walter, Rainer Krenstetter und Alexej Orlenco die Schritte. „Schneller!“, ruft er ihnen zu, „das Bein gestreckt!“ Bei allem Elan wird doch höchste Präszsion verlangt. Die Arbeit mit Ratmansky – das sieht man gleich – ist überaus fordernd. „Die Tänzer werden schwitzen“, verspricht er denn auch beim anschließenden Gespräch im Foyer de la Danse. Und fügt noch hinzu: „Es ist ein sehr ehrlicher Tanz.“ Denn es seien Schritte aus der danse d’école, da könne ein Tänzer nicht schummeln.

Alexei Ratmansky ist derzeit der gefragteste Choreograf in der Welt des klassischen Balletts. Der 45-Jährige wird wie ein Retter verehrt, der den akademischen Tanz revitalisiert, indem er ihn mit einer zeitgenössischen Energie auflädt. Alle großen Compagnien reißen sich um den gebürtigen St. Petersburger, der seit einigen Jahren in New York lebt. Das Staatsballett Berlin übernimmt nun das Ballett „Namouna“, das er 2010 für das New York City Ballet kreiert hat.

Vladimir Malakhov und Alexei Ratmansky kennen sich noch aus der Bolschoi-Ballettschule, wo sie dieselbe Klasse besucht haben. „Vladmir und ich haben Russland ungefähr zur selben Zeit verlassen“, erzählt Ratmansky. „Unsere Generation ist hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen. Als dann die Öffnung kam, war es für uns eine Notwendigkeit, zu gehen und neue Erfahrungen zu sammeln.“ Schnell wurde ihm klar, dass er noch sehr viel lernen muss. „Ich wusste nichts von der Existenz von Nurejew und Baryschnikows. Ich hatte auch noch nie ein Ballett von Balanchine gesehen. Es war eine ganz neue Welt, die sich auftat.“

Von 1992 bis 95 war er beim Royal Winnipeg Ballet in Kanada engagiert, danach tanzte er von 1997 bis 2002 als Solist am Königlich Dänischen Ballett in Kopenhagen. Als Choreograf hat er sich einen Namen mit der Wiederbelebung von Klassikern sowie von Werken aus der Sowjet-Ära gemacht. Seine Neufassung von Schostakowitschs Kolchosen-Tanzoperette „Der helle Bach“ brachte ihm dann den Chefposten beim Bolschoi-Ballett. Fünf Jahre leitete er die weltberühmte Compagnie. Ein gefährlicher Job, wie man seit dem Säureangriff auf seinen Nachfolger Sergei Filin weiß. Wenn man ihn fragt, wie er diese Zeit überlebt hat, entgegnet er: „Ich bin Russe. Ich habe selbst die Bolschoi-Schule besucht – ich weiß, wie es dort läuft. Es war alles zusammen: Drama, Stress, Inspiration und Glück.“ Nein, er bereue die fünf Jahre als Ballettdirektor des Bolschoi nicht. Doch er hat dann wohl zum richtigen Zeitpunkt das Weite gesucht. Seitdem läuft alles wie am Schnürchen. Er konnte schnell Fuß fassen in Ne  w York, 2009 wurde er Artist in Residence beim American Ballet Theatre, zuvor hatte ihn schon das New York City Ballet umworben.

„Namouna“ zur Partitur von Edouard Lalo aus dem Jahr 1882 könnten manche für eine Parodie halten. Doch Ratmansky will sich keineswegs lustig machen über das Ballett, beteuert er: „,Namouna’ zelebriert die Konventionen des Balletts des 19. Jahrhunderts – man könnte sie auch die goldenen Regeln nennen.“ Auch wenn es auf den ersten Blick wie ein Handlungsballett aussieht, wird doch keine Geschichte erzählt. Dafür ist „Namouna“ eine wunderbare Extravaganza. Der Held, der nach seiner Liebsten sucht, trägt einen Matrosenanzug und trifft auf eine Schar von Nymphen. Außerdem tritt eine rauchende Ballerina auf. Da es sich um ein „grand divertissement“ handelt, ist eine Suite von brillanten Tänzen zu sehen, die das choreografische Raffinement Ratmanskys demonstrieren. Dass das klassische Ballett eine überholte Kunst ist, findet er nicht. „Die Sprache des Ballets inspiriert mich, ich glaube auch nicht, dass sie altmodisch ist. Es kommt darauf an, wie du sie benutzt und wofür.“

Schon zu Schulzeiten wurde ihm klar, dass er Choreograf werden will. Nun genießt er es, dass er sich als Freelancer ganz auf seine choreografische Arbeit konzentrieren kann – und dass er Verschiedenes ausprobieren kann. „Als Freischaffender darf ich Fehler machen – mehr als am Bolschoi“, sagt er. Er hat jüngst wieder fürs Bolschoi inszeniert. „Wir sind nicht geschieden“, bestätigt er. Doch er macht keinen Hehl daraus, dass er sich in der amerikanischen Ballettszene sehr wohlfühlt. „Ich schätze Balanchines Ästhetik sehr – und auch seine Ethik“, betont er. Bei Balanchine stehen die Choreografie und die Musik im Vordergrund. Nicht die Stars. „Es geht nicht um Dramen, sondern um Bewegungen. Das ist ein sehr schöner Zugang zum Tanz.“

RATMANSKY | WELCH
Staatsoper im Schillertheater: Premiere 22.3., 19.30 Uhr. 26.3., 19.30 Uhr und 30.3., 18 Uhr

Erschienen am :  27.02.14 in der SPIELZEIT
DER TAGESSPIEGEL – Beilage für Theater, Musik und Tanz
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