ZUKUNFT CHOREOGRAPHIE: XENIA WIEST IM GESPRÄCH


Der größte professionelle und internationale Ballettwettbewerb findet alle zwei Jahre in Varna, Bulgarien, statt. Er wurde im Jahr 1964 gegründet und feiert in diesem Jahr den 50. Jahrestag.
Xenia Wiest hat für ihre junge Kollegin
Polen Gezmis ein Solo-Tanzstück choreographiert, mit dem sie sich der großen Konkurrenz in Varna stellen wird.

Wie ist es dazu gekommen, dass Du Polens Solo für den Wettbewerb choreographierst?
Polen hat mich schon vor längerer Zeit gefragt, ob ich ich ihr helfen könnte, etwas passendes für sie zu finden, das sie für den Wettbewerb nehmen kann. Wir haben lange überlegt und vieles ausprobiert. Schlussendlich habe ich dann entschieden etwas Neues zu machen, um dadurch ihre Vorzüge zeigen zu können. Das ist für mich auch immer eine gute Möglichkeit mich weiterzuentwickeln.

An welche Vorgaben musstest Du Dich als Choreographin halten? Welche Auflagen gibt es für den Wettbewerb?
Meistens sind die Auflagen so, dass man eine zeitliche Beschränkung hat. Dies sind 2:30 oder 3 Minuten. Deshalb habe ich versucht, etwas kürzeres zu choreographieren. Generell denke ich auch, dass es eh besser ist ein Solo zu haben, das nicht zu lang ist, um den Zuschauer nicht zu langweilen. Das es mit dem Gefühl endet „Oh, schade, es ist schon vorbei …“

Und die Ausrichtung? Modern, klassisch? Konntest Du Dir das aussuchen?
Ich habe mir überlegt: wie ist Polen? Wie könnte ich sie darstellen? Was sind ihre starken Seiten? Für mich hat sie sehr schöne Arme und Beine, so kam ich auf die Idee etwas Lyrisches für sie zu machen. Neoklassisch, im Mix mit Modern und Klassisch. Nicht auf Spitze, da sie zudem noch 6 klassische Interpretationen machen muss und so dachte ich, dass wir etwas auf halber Spitze machen, sodass sie die Choreographie auch genießen kann.

ZUKUNFT CHOREOGRAPHIE: XENIA WIEST IM GESPRÄCHWie bist Du konzeptionell vorgegangen?
Erst habe ich vorrangig nach einer passenden Musik gesucht, weil ich es schwer finde, bei einem Solo zuerst die Geschichte zurechtzulegen, es ist immer besser, zuerst die Musik zu haben. Für mich persönlich ist die Musik auch immer die Inspiration. Die Musik verleitet zum Choreographieren, Bewegungen zu schaffen. Ich hatte verschiedenes zur Auswahl und habe mich dann für eine russische Romanze von Tschaikowsky entschieden. Eigentlich war die Entscheidung ziemlich schwer, denn es gibt viele schöne Romanzen. Es war für mich auch komplett neu, etwas auf Gesang zu choreographieren.Sobald die Musik steht, recherchiere ich viel über die Hintergründe, was wollte Tolstoi damit ausdrücken, und daraus habe ich dann versucht die Geschichte durch einen Tanz wiederzugeben.

Musikalität hat bei Dir immer einen sehr hohen Stellenwert. Sind Deine Eltern beide Musiker?
Ja genau, beide sind Musiker. Mein Papa ist Schlagzeuger, meine Mama ist Geigenlehrerin. Der totale Kontrast, aber genau deshalb finde ich konträre Musik toll. Von jeder Musikrichtung kann ich mich inspirieren lassen. Musik ist definitiv wichtig, auch im Tanz, weil dadurch die Aussage des Tanzes verstärkt wird.

Polen ist eine klassisch ausgebildete Tänzerin, sind moderne Bewegungsformen noch sehr neu für sie? Ja das stimmt, Polen ist ja noch sehr jung, aber sie hat sehr viel Potenzial. Auch im neoklassischen und modernen Tanz. Sie ist sehr plastisch. Für mich ist das sehr wichtig, und ich finde das sehr schön. Sie ist recht musikalisch. Das finde ich auch sehr wichtig. Ich hatte sie ja schon für mein Projekt in „Masse“ besetzt, aber nur als 2. Besetzung, das sie dadurch lernt. Man hat aber da schon erkennen können, dass sie meine Choreographien gut tanzen könnte. So hat sich die Chance ergeben, dass wir zusammenarbeiten, und ich bin wirklich sehr positiv überrascht. Sie ist noch so jung, aber sie wirkt sehr reif und erwachsen. Die Choreographie hat sich wirklich sehr schön an sie angepasst. Ich bin sehr zufrieden.

Hatte sie auch die Möglichkeit, sich in die Choreographie einzubringen?
Meistens habe ich die Basis von Schritten. Weil die Choreographie der Musik angepasst ist, hat man nicht wirklich Spielraum zum Experimentieren. Bevor ich mich an die Choreographie setzte, kenne ich die Musik in und auswendig, deshalb bleibt am Ende wenig Platz, um während der Proben etwas Neues zu machen. Natürlich gab es schon etwas Freiraum, wenn es um eine Arm- oder Beinhaltung ging, aber der Rahmen der Bewegung oder die Dynamik waren von mir vorgegeben. Gerade auch bei Tänzern, die noch sehr jung sind. So wie auch Polen.

Wie unterscheidet sich die Arbeit mit Ersten Solisten wie Elisa Carrillo Cabrera und Mikhail Kaniskin? Verlangen sie im Gegensatz zu den jungen Tänzern mehr Freiraum?
Es kommt drauf an, aber im Großen und Ganzen lassen sie sich auch führen, aber natürlich gibt es auch Momente, in denen ich ihnen freistelle, die für sie passende Bewegung zu finden. Ich versuche immer, bevor ich eine Choreographie für einen Tänzer erarbeite, die Person genau zu analysieren, um ihre Stärken und Schwächen kennenzulernen. So passe ich dann die Choreographie auch immer schon den jeweiligen Charakteren an. Manchmal kostet es dann auch Kraft und Energie, die Tänzer von meiner Choreographie zu überzeugen, aber bis jetzt habe ich das immer geschafft.

Du hast ja auch den Vorteil, dass du alle kennst, für die du bisher choreographiert hast.
Hattest du auch schon mal für andere Tänzer etwas kreiert ?
Für die Kremlin-Gala in Moskau, vor zwei Jahren habe ich für Vladislav Marinov und Anastasia Vinokur etwas gemacht. Ich kannte sie davor gar nicht und habe mir ganz viele Videos davor angeschaut, um ihre Bewegungen zu analysieren und sie kennenzulernen. Vlado und ich haben hier in Berlin das Pas de deux zusammen, mit dem was ich von ihr wusste, kreiert, und sie kam dann später dazu. Vor Polen hatte ich noch mal mit einem Mädchen aus Japan zusammengearbeitet. Das Interessante daran war, dass wir nur drei Tage Zeit hatten, um das Solo einzustudieren. Als ich mit der Choreographie fertig war, habe ich alles geschnitten und ihr nach Japan geschickt, damit sie dort die Choreographie lernt. Dann kam sie praktisch schon „fertig“ hierher nach Berlin und wir haben dann zusammen den Feinschliff gemacht.

Wie sieht es mit den technischen Korrekturen aus? Gibt es neben dir noch jemand, der nur auf die Technik achtet?
Bei dem Mädchen aus Japan habe ich das neben den choreographischen Korrekturen auch gemacht, da sie schon aber sehr gut war, gab es nicht wirklich viel zu korrigieren. Wenn jedoch etwas nicht ganz sauber ist, so wie ich es mir vorgestellt habe, dann sage ich dazu auch immer was. Ich bin irgendwie alles in einem.

In vielen Interviews antwortest Du auf die Frage, ob die Choreographie eine Perspektive für Dich nach der Tanzkarriere wäre, dass Du Dir auch was anderes für die Zukunft vorstellen kannst. Fokussiert sich das langsam in die Richtung? Oder lässt du dir noch immer alles offen?
Mittlerweile kann man wirklich sagen, dass sich das fokussiert, wobei ich immer noch sagen muss, dass ich an vielen Dingen interessiert bin. Aber das ist wirklich so die Richtung, in der ich mir vorstellen könnte, später zu arbeiten. Weil ich mittlerweile auch angefangen habe, meine eigenen Strategien zu entwickeln, mir ein kleines Team zusammengestellt habe, oder am Überlegen bin, was ich in der Zukunft vielleicht noch brauche, um voranzukommen. Mein Verlobter, der natürlich auch in meinem Team sein wird, hilft mir sehr viel dabei.

In welchem Bereich ist er tätig?
Er ist Psychologe und spezialisiert auf Sportpsychologie. Er ist total integriert in der Ballettwelt und arbeitet auch mit Tänzern. Ich finde, dass ist etwas, das in der Ballettwelt noch fehlt, und das kann auf jeden Fall noch weiter vorangetrieben werden. Ich arbeite momentan an meiner eigenen Website. Ja, also man kann schon sagen, dass meine Zukunftspläne eher zielgerichtet sind. Zukunft Choreographie.

 

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