NEU IM ENSEMBLE: JULIA GOLITSINA


Julia Golitsina hebt ihre Stimme nicht gegen den Lärm im Foyer de la Danse. Sie spricht ruhig und bedacht. Dass sie vor wenigen Monaten noch als Erste Solistin am Moscow Classical Ballet getanzt hat, lässt sie nicht durchscheinen – genauso wenig wie die Tatsache, dass sie für das Staatsballett zum ersten Mal ihr Heimatland verlassen hat, Anton Chekhov anhimmelt oder letztens im Studio ein Kindheitsidol getroffen hat.

Du tanzt seit zwei Monaten im Corps de ballet des Staatsballetts Berlin. Was waren deine ersten Gedanken?

Es ist mein erstes Engagement im Ausland. Alles ist neu und anstrengend, aber ich bin stolz hier zu sein. Ich wollte etwas Anderes versuchen nach all den klassischen Balletten und habe Nacho Duatos Arbeiten schon immer bewundert.

NEU IM ENSEMBLE: JULIA GOLITSINADu klingst sehr unbeirrt – dafür, dass du in deiner bisherigen Karriere fast ausschließlich in klassischen Compagnien getanzt hast. Bist du eines Morgens aufgewacht und hast spontan den Entschluss gefasst, oder entstand dieser Wunsch erst mit der Zeit? Wie stehst du jetzt zum klassischen Ballett?

Natürlich mag ich es. Klassisches Ballett ist eine große russische Tradition und es hält sehr gut in Form. Ich denke aber, dass es zu geradlinig ist. Nur ein Weg führt zum Ziel und manchmal ist das nicht genug. Manchmal braucht es mehr Raum, sowohl psychisch als auch körperlich, und in zeitgenössischem Ballett kann man sich einfach besser ausdrücken. Ich habe noch nie einen Duato, Forsythe oder Kylián getanzt, aber das will ich unbedingt ändern. Schon damals, als ich 2011 am St. Petersburg Eifman Ballet engagiert war, hat mich diese andere Art von Ballett sehr gereizt. Es war unvergleichlich, weder klassisch noch modern, eine einzigartige Mischung aus Bewegung und Schauspiel … nicht einmal seine Tänzer konnten seinen Stil beschreiben. Es hat mich in meinem Entschluss bestätigt, etwas Neues anzustreben, und das Staatsballett Berlin war dafür meine erste Wahl.

Nachdem du inzwischen etwas Zeit mit der Compagnie verbringen konntest: gibt es etwas, das du vom Staatsballett nicht erwartet hättest?

Ich hätte nicht gedacht, dass so viele russische Kollegen hier tanzen würden! Es hilft mir ungemein. Sie unterstützen mich im Studio und auf der Bühne. Es ist immer irgendwie anstrengend, nicht im Heimatland zu sein. Ich hatte Glück, in der schönsten Jahreszeit hier angefangen zu haben. Jeder Frühling ist inspirierend und in Berlin ist er sogar noch mal ein ganzes Stück schöner. Überall wachsen Blumen und es gibt so ungewöhnlich viele Parks in dieser Stadt.

Hattest du schon Zeit, Berlin für dich zu entdecken?

Ich hatte leider kaum Zeit dafür! Berlin ist aber auch riesig. Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen und als ich für die Arbeit nach Moskau umziehen musste, fand ich die Umstellung sehr hart. Es war so stressig, dort zu leben. Berlin zeigt, dass eine Hauptstadt sich auch anders anfühlen kann.  Da ich aber zur Arbeit nur 15 Minuten zu Fuß brauche und es sonst nicht aushalte, länger shoppen zu gehen, komme ich gerade kaum dazu, mehr von der Stadt zu sehen …. Außerdem habe ich nicht so viel Papierkram erwartet. Nach der Arbeit komme ich nach Hause und setze mich wirklich ohne Umschweife an den Schreibtisch.

Erzähl uns etwas über deine Anfänge im Ballett.

Ich wusste ewig nicht, was ein Spitzenschuh oder ein Tütü war. Ich kam nur zum Ballett, weil ich es schon immer gemocht habe, mich zu bewegen und herumzutanzen. Meine Eltern gaben mir dann die Freiheit, selbst zu entscheiden, was ich beruflich verfolgen wollte und jetzt sind sie sehr stolz auf mich. Die russische Schule war aber in der Tat wahnsinnig schwer. Es hat lange gedauert, bis bei mir die wahre Faszination eingesetzt hat. Mein erstes Ballett hat mich so gar nicht vom Stuhl gerissen. Ich war neun und habe mir Schwanensee angesehen. Erst ein Jahr später, als ich zum ersten Mal in Die Bajadere saß, habe ich mich quasi verliebt. Es ist, ungeschlagen, mein Lieblingsballett. Danach habe ich die anderen Klassiker förmlich verschlungen. Dass ich in meinen ersten Monaten hier Die Bajadere tanzen darf, nehme ich fast als ein gutes Omen.

Wie bist du über die Jahre als Ballerina „gewachsen“?

Ich spüre, wie ich mich mit jedem Tag ein wenig verändere. Ich versuche, besser zu werden und vorwärts zu kommen, aber für mich existiert kein klares Bild, auf das ich hinarbeite. Ich lasse mich vor allem einfach von großen Tänzern inspirieren … wie jeder Andere auch. Polina Semionova, Diana Vishynova, Ulyana Lopatkina, Olesya Novikova, zum Beispiel.

Hast du Polina hier schon getroffen?

Ja, natürlich! Oh mein Gott. Das erste Mal war ein Schock. Ich bin ins Studio gegangen und stand plötzlich in einem Raum mit ihr. Sie ist einzigartig. Genauso fasziniert mich auch Iana Salenko. Sie gehören zu den besten russischen Ballerinen unserer Zeit.

In Russland warst du selbst sehr erfolgreich. Wie fühlt es sich an, neu anzufangen?

Ich war Erste Solistin, ja. Aber ich sage mir ständig, „Julia, natürlich ist es hart, aber du kannst das“. Ich wollte einfach erwachsen werden und das scheint der richtige Weg zu sein. Manchmal ist es überwältigend. Wenn ich nach der Arbeit in meine neue Wohnung komme, wenn ich alleine bin. Ich vermisse meinen Mann in Russland. Aber ich weiß, dass es ein Schritt zurück wäre, dorthin zurückzukehren. Ich möchte hier bleiben.

Was macht dich zuversichtlich?

Mein Mann schaut sich gerade nach Möglichkeiten um, seinen Arbeitsplatz nach Berlin zu verlegen – ich habe große Hoffnungen, dass wir schon zum Beginn der neuen Spielzeit wieder zusammen sein können. Ansonsten schaue ich mir sehr viele Videos von neuen Balletten an, und umgebe mich mit allem Möglichen, was mich inspiriert.

Also sprechen dich auch andere Künste an?

Ja, auf jeden Fall! Ich liebe es zu lesen. Am meisten Chekhov, aber das hängt von meiner Laune ab. Manchmal ist Leo Tolstoy der Richtige, oder Sergey Dovlatov von den Zeitgenössischeren.

Welchen Sorgen muss sich ein Tänzer neben dem Heimweh noch aussetzen?

Eine neue Sprache zu lernen ist sehr schwer, wenn die Zeit zum Üben fehlt. Für mich ist es wichtig, überhaupt erst einmal Englisch zu beherrschen. Deutsch kommt danach dran … dass ich meine Muttersprache hier so oft sprechen kann fühlt sich schön an, aber tut meinem Englisch gar nicht gut. Ich bin froh, damit keine Probleme in der wichtigsten Zeit des Tages zu haben. Wenn Lehrer oder Kollegen etwas erklären, verstehe ich es vielleicht nicht, aber ich kann sehen, was sie mit ihren Körpern zeigen … und das ist alles, was es braucht.

Was macht dich am Ende stolz darauf, eine Ballerina zu sein?

Ein Tänzerleben ist nicht einfach, aber das wissen wir seit unserer Kindheit. Wir sind darauf vorbereitet. Tänzer sind sehr ausdauernd und geduldig. Nach einem schweren Tag weiß ich, dass ich am nächsten Morgen aufstehen und immer die Chance haben werde, es besser zu machen.

Das Interview führte Dieu Linh Nguyen Xuan.

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Yuliya Golitsina doesn’t raise her voice against the noise in the Foyer de la Danse. She speaks in a calm and thoughtful manner. She neither suggests that she performed as a Principal Dancer at the Moscow Classical Ballet just a few months ago – nor that she’s an avid reader Anton Chekhov, has left her homeland behind for the first time or meets a childhood idol every now and then.

You came from Moscow and joined the Staatsballett Corps de ballet two months ago. What are your first thoughts on the company?

The Staatsballett Berlin is my very first company abroad and everything is new to me. It is tough but I’m proud to be here. I’ve always admired Nacho Duato’s work and wanted to try something different after all these classical ballets.

You sound quite unflinching considering that you danced in classical companies for all your professional life until now. Did you wake up one morning with a sudden resolve or did it gradually build up? How do you see classical ballet today?

I naturally like classical ballet since it’s Russian tradition and keeps you in good shape. But it follows a very straight line. There is only one way to do it and sometimes that’s not enough. Sometimes you need more space for your mind and body and I think you can express yourself better in contemporary ballet. I haven’t danced a Duato, Forsythe or Kylián yet but it has been dream of mine ever since I worked at the St. Petersburg Eifman Ballet. It was unlike anything I did before. It’s neither classical nor contemporary; it’s a style no one can define … a unique mix of dance and drama. It confirmed my decision to search for a new approach and the Staatsballett Berlin was my first choice.

Now that you’ve passed some time in the company, is there something that you did not expect from the Staatsballett?

I didn’t expect so many Russian dancers here. It helps me so much. It is support, both in the studio and on stage. To be in a country other than one’s homeland is always stressful, for every human being. I’m lucky to have started during such a wonderful time here. Spring is the season of inspiration to me and Berlin’s spring is even lovelier. There are flowers everywhere and this city has so many parks. It’s unusual.

Did you have time to explore Berlin already?

I didn’t have enough time actually! It’s such a vast city. I was raised in a little town and moved to Moscow for work back then. Living there was incredibly stressful for me but Berlin shows that a capital can sing a different tune. Unfortunately I don’t like to go shopping and have a short way to work, around 15 Minutes by feet, so I barely get carried away. I also didn’t expect so much paper work that needs to be done. In the evening, I really come home and dive straight into it.

Tell us something about your beginnings in ballet.

For a long time, I didn’t know what a pointe shoe or tutu was. I got into ballet simply because I’ve always enjoyed moving my body and dancing around. My parents gave me the freedom to choose what I want to do and it made them proud to see me succeeding. However, the Russian ballet school was hard. One thing’s for sure: the true fascination came long after I made my first steps. When I saw my first ballet, it didn’t blow my mind at all. That was Swan Lake and I was nine years old. It was not until one year afterwards, when I saw La Bayadère and really fell in love. It’s my favourite ballet. After that, I devoured all the other classics in a row. The fact that I get to dance La Bayadère in my first months over here is almost like a sign to me.

How do you “grow” as a ballerina?

I clearly feel that I change a little bit with every passing day. I try to get better and move further but I don’t have any clear image to model myself upon. I simply get inspired by great people like every other dancer … Polina Semionova, Diana Vishnyova, Ulyana Lopatkina, Olesya Novikova, to name a few.

Have you met Polina in the studios?

Yes! Of course, oh my god! The first time was a complete shock. I went into the studio and suddenly I was in the same room with her. She’s unique. Iana Salenko inspires me equally. They are the brightest Russian ballerinas of our time.

In Russia, you’ve been very successful yourself. How does it feel to start all over?

I was a Principle Dancer, yes. I keep telling myself, “Yuliya, it may be hard but you can do it”. I wanted to grow up and this is how I think it works. Sometimes it’s overwhelming, of course … when I’m in my new apartment after work and when I’m alone. I miss my husband who’s still in Russia. But I know that if I ever came back, it would be step back for me. I really want to stay here.

What makes you confident?

My husband is searching for possibilities to relocate his workplace to Berlin, so we may reunite soon. Otherwise I often watch tapes of new ballets, search for inspiration of any kind.

So there are other art forms that speak to you?

Yes! I love reading. Chekhov the most, but it depends on my mood. Often, Leo Tolstoy is the right one to pick, or Sergey Dovlatov from the contemporary scene.

Besides homesickness, to what other sorrows does a dancer expose himself?

Learning a new language is a big problem when one lacks the time for practicing. For me it is very important to first master English at all … German comes afterwards. It feels good to get to speak my mother tongue this often but it’s bad for the learning process in turn. I’m lucky to have no problems during the most important time of day. When teachers or fellow dancers explain something, I may not understand it language-wise but I see what they show with their bodies and that’s all it needs.

Speaking of so many obstacles, what makes you proud to be a ballerina?

A dancer’s life is not easy but we all know this since childhood. We are ready and prepared for it. Dancers are very enduring and patient. After a bad day, I know that I will wake up tomorrow and always have the chance to improve.

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