Interview mit Sandra Jennings


„Diamonds are a girl’s best friend.“ Das wusste schon Lorelei Lee in „Blondinen bevorzugt“. Aber nicht nur Mädchen, auch der Choreograph George Balanchine war ein Fan von Diamanten. Sein Ballett „Jewels“, das 1967 in New York Premiere feierte und zu den größten Balletten des Jahrhunderts gehört, zeigt das Staatsballett ab dem 21. Mai zum ersten Mal seit über 30 Jahren wieder in Berlin. Sandra Jennings, die selbst zehn Jahre für Balanchine tanzte, wurde gemeinsam mit zwei weiteren Ballettmeistern vom Balanchine Trust beauftragt, die Choreographie hier zu realisieren. Sie studiert derzeit mit den Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts den dritten Teil „Diamonds“ ein.

Und was ist ihr liebster Edelstein?
Sandra Jennings: Wohl auch Diamanten. Obwohl – Saphire mag ich ebenfalls sehr.

Für sein Ballett „Jewels“ suchte Balanchine neben den Diamanten Smaragde und Rubine aus. Wissen Sie, warum seine Wahl grade auf diese Edelsteine fiel?
George Balanchine wollte ein Stück kreieren, das die Gefühle, die man beim Anblick dieser Edelsteine hat, tänzerisch darstellt. Nun gab es zu der Zeit sehr unterschiedliche Ballerinen in seiner Compagnie. Da war zum einen die französische Tänzerin Violette Verdy, die unglaublich schön tanzte, hochmusikalisch und lyrisch. Für Balanchine besaßen Smaragde eine große Wärme, die er auch bei Violette fand. Patricia McBride, eine weitere Ballerina aus seinem Ensemble, war eine durch und durch amerikanische Tänzerin. Dazu ihr Partner Edward Villella, ein sehr athletischer Typ, der schon als Wrestler und Boxer gearbeitet hatte. Das passte zu Rubinen, die in Balanchines Vorstellung amerikanischer, jazziger waren. Die Diamanten am Schluss sollten das ehrwürdige, opulente Ballett Russlands heraufbeschwören, das Balanchine selbst noch kannte. Das war das Ballett für Suzanne Farrell, Balanchines große Muse jener Zeit. Und die Musik von Fauré, Strawinsky und Tschaikowsky passt wirklich hervorragend dazu. Balanchine hat ja nicht nur Tanz, sondern auch Musik studiert.

Also dachte Balanchine eher an bestimmte Tänzerinnen als an Edelsteine, als er „Jewels“ konzipierte?
Eigentlich hat er es seinem Ensemble auf den Leib geschneidert. Es gibt dieses herrliche Bild von ihm inmitten der Tänzerinnen in den umwerfenden Kleidern. Violette und Mimi, die ebenfalls in „Emeralds“ tanzte, beide sehr mysteriöse, geheimnisvolle Ballerinen in langen romantischen Tutus, dann Patricia in einem ultrakurzen roten Kleid in einer so typischen Pose – sie hat immer gesagt, sie sei das „Showgirl“. Und natürlich Suzanne in einem ganz klassischen funkelnden Tutu, um den Hals glitzernde Diamanten. Man findet das Bild sofort über Google.

Jennings by Maximillian Tortoriello

Sie selbst wurden gemeinsam mit zwei weiteren Ballettmeistern vom Balanchine Trust nach Berlin geschickt, um hier mit den Tänzerinnen und Tänzern „Jewels“ einzustudieren. Wie funktioniert so etwas? Und sieht „Jewels“ dann am Ende auf jeder Bühne der Welt gleich aus?
Nein, nie, es wird immer anders. Jedes Ensemble hat sein eigenes Training, in dem bevorzugt eine bestimmte Technik studiert wird. Das wirkt sich natürlich auf das Ergebnis aus. Außerdem kann nicht jede Compagnie einfach so sagen: ‚Wir führen jetzt „Jewels“ auf.‘ Das müssen sich die Ensembles sozusagen verdienen. Das Berliner Staatsballett hat schon oft bewiesen, wie gut sie Balanchine tanzen können, deswegen war es diesmal gar keine Frage. Meine Aufgabe ist es jetzt, den Tänzerinnen und Tänzern hier zu zeigen, worauf es bei „Jewels“ ankommt. Klar, da sind die einzelnen Schritte, aber es geht um mehr.

Nämlich?
Ich habe das enorme Glück, selbst zehn Jahre lang für Balanchine getanzt zu haben. Wenn ich jetzt hier unterrichte, kann ich, glaube ich, den Tänzerinnen und Tänzern das Gefühl geben, sie würden zu jener Zeit arbeiten, direkt mit Balanchine. Und ich weiß, worauf es ihm ankam. Das Port de bras zum Beispiel, also die Position und die Bewegung der Arme, sollte bei ihm ganz natürlich sein. Er wollte, dass man die Knochen nicht sieht. Ein Beispiel von ihm war der Elefant, der mit seinem Rüssel eine Erdnuss nimmt. So elegant und flüssig sollten unsere Beine aussehen. Oder das Plié, das immer vor der ersten Zählzeit einer Phrase beginnen musste. Das sind nur Kleinigkeiten, aber wenn die Tänzerinnen und Tänzer es wissen und tun, ist das Ergebnis ein völlig anderes.

„Jewels“ wird ja immer als erstes abendfüllendes…
…abendfüllendes abstraktes Ballett in der Geschichte des Tanzes bezeichnet, genau.

Aber Balanchine selber mochte diesen Begriff „abstrakt“ gar nicht.
Für ihn passte Ballett und abstrakt nicht zusammen. „Jewels“ hat zwar keine Geschichte, aber abstrakt ist es deswegen auch nicht. Jedes Balanchine-Ballett bekommt automatisch eine Geschichte, wenn zwei Personen miteinander tanzen. Zum Beispiel der Pas de deux in „Diamonds“, dem letzten Teil von „Jewels“: Das Paar kommt rein, trifft sich, sie entfernt sich von ihm, er lädt sie ein, wieder zurückzukommen. Oder wie Edward Vallella immer sagte, dass er sich in „Rubies“ wie ein Jockey fühle, und Patricia McBride sich in ein Showgirl verwandelte – das sind eigentlich doch alles Geschichten.

Aber nicht so eine wie zum Beispiel im berühmten Ballett „Dornröschen“.
Natürlich, hier piekt sich niemand in den Finger und fällt dann in den Schlaf. Es kann aber nicht ohne Geschichte sein, in dem Moment, wo zwei Tänzer auf der Bühne in eine Beziehung treten. Es ist eine Geschichte, die man sich selber vorstellt, ausmalt. Ich könnte zum Beispiel jedes Mal am Ende von „Emeralds“ weinen, weil sich das, was ich da sehe, wie ein Verlust anfühlt. Das ist doch eine Geschichte. Meine Geschichte. Und ich bin gespannt, was die Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts für Geschichten erzählen werden.

Ist „Jewels“ deswegen ein Klassiker geworden, der auch heute nach über 50 Jahren noch wirkt?
Ja. Dieses Ballett weckt in jedem Zuschauer ganz individuelle Gefühle, die sich zwar auf verschiedene Epochen beziehen, aber trotzdem zeitlos sind. Man kann sich zurücklehnen und sich von Musik und Tanz an einen anderen magischen Ort bringen lassen. Was will man mehr?

Das Interview führte Renske Steen

2 Kommentare Add yours

  1. Mareika sagt:

    Sehr tolles Interview mit Sandra. Hat mich sehr gefreut. Freue mich über weitere Interviews. Danke Renske!

    1. Lieben Dank für Dein Feedback!

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