DREI MAL SPITZE


Stationen im Leben einer Tänzerin: Charlotte Butler (64) ist Produktionsleiterin und geht im Oktober in den Ruhestand, Beatrice Knop (43) übernimmt. Lisa Breuker (24) steht noch am Anfang ihrer Karriere

Seit wann tanzt Ihr am Staatsballett Berlin?

Charlotte Butler: Ich bin Engländerin und 1970 nach Deutschland gekommen. In Freiburg hatte ich mein erstes Engagement. Damals konnte ich noch kein Wort Deutsch. 1973 wechselte ich zu Pina Bausch, 1974 an die Deutsche Oper Berlin. Dort und dann beim Staatsballett Berlin habe ich alle Stationen vom Corps de ballet zur Solotänzerin bis zur Ballettmeisterin und schließlich zur Produktionsleiterin durchgemacht. 1991 habe ich zum letzten Mal auf Spitze getanzt. Jetzt mache ich gelegentlich noch Mutter- und Ammenrollen. Im Herbst gehe ich mit 65 Jahren in Rente und freue mich darauf, etwas anderes in meinem Leben zu machen. Dafür hatte ich bislang nicht viel Zeit.

Beatrice Knop: Ich bin 1972 in Berlin geboren und dort von 1983 bis 1991 auf die Ballettschule gegangen. Direkt nach dem Mauerfall kam ich an das Ballett der Staatsoper Unter den Linden. Bis auf ein Jahr, in dem ich in Essen war, bin ich dort auch geblieben und bin nach und nach zur Ersten Solotänzerin gewachsen. 2004 wurden die Compagnien der Berliner Opernhäuser zum Staatsballett Berlin zusammengelegt. Kommende Spielzeit werde ich Charlottes Position übernehmen und zusätzlich im Saal als Coach tätig sein.

Lisa Breuker: Ich bin 1991 geboren, genau in dem Jahr, als Bea an die Staatsoper gekommen ist – witzig! Mit zwölf Jahren bin ich dann nach Berlin gekommen. 2010 hat mich Nacho Duatos Vorgänger Vladimir Malakhov bei einem Wettbewerb in Istanbul entdeckt, wo ich die Gold-Medaille gewonnen habe, und im Jahr darauf hat er mich ans Staatsballett Berlin geholt. Ich bin also noch am Anfang meiner Tänzerkarriere.

Charlotte und Beatrice, Ihr seid nicht mehr als klassische Ballerinen aktiv. Wie schwer fällt es nach so langer Zeit auf der Bühne, mit dem Tanzen aufzuhören?

Charlotte: Für mich war der Übergang fließend. Ich habe zuerst den ganzen Tag getanzt und abends vor dem Fernseher Probenpläne geschrieben, dann allmählich immer weniger getanzt. Eigentlich hatte ich nie Zeit, darüber nachzudenken.

Charlotte: Viele Tänzer stehen mit Mitte dreißig da und wissen nicht, was sie machen sollen. Zuvor hat man immer einen strikten Plan bekommen, wo man wann zu sein hat. Früher hat sich niemand auf das Leben danach vorbereitet. Dass wir von der Compagnie übernommen wurden, macht es schon wesentlich leichter.

Kam für Euch je ein zweiter Berufsweg in Frage?

Charlotte: Das war eher Schicksal, kein Karrierezug. Irgendwann fragte mich jemand, ob ich diesen Probenplan schreiben oder jene Probe leiten könnte. Ich wusste damals noch gar nicht, wie das geht.

Beatrice: Ich dachte, dass ich nach meiner Bühnenkarriere vielleicht etwas ganz anderes mache, zum Beispiel in die Organisation eines Unternehmens einsteige. Wenn ich nun als Produktionsleiterin beim Staatsballett die Seiten wechsle, habe ich genau den
organisatorischen Part, den ich mir gewünscht habe.

Lisa, was möchtest Du nach dem Tanzen machen?
Lisa: Ab und zu habe ich schon darüber nachgedacht, aber noch nicht sehr konkret. Von Bekannten und den Eltern kommen durchaus die Hinweise, dass ich einen
Alternativplan haben sollte. Maskenbildnerin zu werden oder eine Arbeit bei „Tanz ist KLASSE!“ würden mir, glaube ich, auch Spaß machen. Ich will mich jedoch erst einmal zu 100 Prozent auf das Tanzen konzentrieren.

Beatrice und Charlotte, habt Ihr einen Tipp für Lisa?

Charlotte: Sie muss natürlich schauen, dass sie in der Compagnie, in der sie tanzt, gefördert wird und dass ihr Typ passt. Welche Ballettcompagnie das sein wird, weiß man aber vorher nie.

Beatrice: Für Dich fände ich es wichtig, dass Du Dich zunächst nicht an einen Ort bindest. Es ist außerdem wichtig, dass man zum Beispiel durch erste kleine Rollen das Beste für sich selbst als Tänzerin herausholen kann, um sich nach und nach weiterzuentwickeln.

Was hättet Ihr in Eurer Laufbahn anders gemacht?

Beatrice: Ich würde alles wieder so machen, denn für mich haben sich die meisten Träume als Tänzerin erfüllt.

Charlotte: Ich würde nichts anders machen. Alles waren tolle Erfahrungen.

Lisa, was wäre Deine Traumrolle?

Lisa: Ich würde gerne mal die Olga oder die Tatjana in „Onegin“ von John Cranko tanzen. Das Werk liebe ich.

Wie reagieren Fremde, wenn Ihr Euren Beruf nennt?

Beatrice: Viele Leute denken bei „Tänzerin“, dass wir auf irgendwelchen Tischen herumtanzen. (lacht)

Charlotte: Oder fragen, was man tagsüber macht.

Beatrice: In Deutschland ist das Berufsbild der Balletttänzerin nicht etabliert, und die Leute brauchen ein wenig Zeit, um zu verstehen, was wir wirklich leisten.

Lisa: Bei mir reagiert das Umfeld sehr positiv und beeindruckt, wenn ich von meinem Beruf erzähle.

Schwangerschaft und Tanzen. Ist das ein Problem?

Beatrice: Man muss entscheiden, wann man das möchte. Entweder man bekommt früh Kinder oder tanzt in den guten Jahren alles und wird später Mutter.

Charlotte: Ich habe eine Tochter. Die ganzen Umbesetzungen in Folge meiner Schwangerschaft waren für unsere Compagnie schon schlimm. Ich habe nach zwei
Monaten wieder angefangen, meine Rollen zu tanzen. Das war nicht leicht, für mich war aber die Geburt meiner Tochter das Beste in meinem Leben überhaupt.

Für das Shooting mit Charlotte Butler, Beatrice Knop und Lisa Breuker (v.l.n.r.) wurde die U-Bahn-Station „Deutsche Oper“ kurzerhand umbenannt. Foto: Kim Keibel

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