Bühnenabschied von Sven Seidelmann


Nach 19 Jahren auf der großen Bühne verabschiedet sich Gruppentänzer Sven Seidelmann aus dem Ensemble des Staatsballetts Berlin. Was er jetzt –  nach seiner Zeit als Balletttänzer – vorhat, worauf er sich freut und an wen oder was er sich gerne erinnert, verrät er im Interview.

Lieber Sven, wie hat Deine Ballettkarriere eigentlich begonnen und wann bist Du nach Berlin gekommen?
Ich bin 1989 an die Palucca Schule in Dresden gekommen und dann 1993 an die Staatliche Ballettschule in Berlin. Ich war also vier Jahre in Dresden und vier Jahre hier in Berlin und bin anschließend direkt an der Staatsoper Unter den Linden engagiert worden, das war 1997. Seitdem bin ich im Berliner Theaterbetrieb. Als dann das Staatsballett Berlin gegründet wurde, bin ich übernommen worden. Das lief alles für mich gerade weiter. Die Spielzeit 2015/2016  ist jetzt meine 19. Spielzeit.

War der Beruf als Balletttänzer schon immer Dein Berufswunsch?
Mit Beginn der Ausbildung wusste ich, dass ich das möchte. Ich habe gedacht: Wenn mein Körper den Belastungen gewachsen ist, werde ich Tänzer.

Wie bist du denn zum Ballett gekommen?
Tatsächlich bin ich durch meine Oma dazu gekommen. Sie hatte einen Artikel in der Zeitung gelesen, dass die Palucca Schule Nachwuchs sucht. Dann sind wir zur Aufnahmeprüfung gegangen, ich habe den Eignungstest gemacht, danach ging alles ganz schnell.

Wenn Du auf die Zeit hier am Staatsballett zurückblickst, was sind die ersten   Erinnerungen, die Dir einfallen?
Neben dem Tanz fallen mir da vor allem die Gastspiele ein, die mir immer unglaublich viel Spaß gemacht haben. Ich mag diese Ausnahmesituationen auf einem Gastspiel. Man muss sich anpassen, weil alles anders ist als man es gewohnt ist. Alle müssen als Team am selben Strang ziehen. Es macht Spaß, und es fordert einen heraus, die Vorstellungen mindestens genauso gut wie in Berlin auf die Bühne zu bringen. Das Kennenlernen der anderer Länder und Kulturen ist dabei natürlich ein schöner Nebeneffekt. Außerdem waren für mich auch die Vorbereitungen auf Premieren immer ein Höhepunkt der Spielzeit. Trotz der extremen Anspannung während der Vorbereitungszeit war das immer etwas ganz Besonderes.

Welches Gastspiel war denn das schönste für Dich?
Japan war toll, da waren wir zwei Mal. Wir waren jeweils drei Wochen da, beim zweiten Mal hatten wir tolles Wetter und etwas mehr Freizeit, um auch etwas vom Land zu sehen. Herausragend war auch das Gastspiel in Taipeh. Das war vor zwei Jahren mit „La Péri“ und „Caravaggio“.

Was ist anders daran, in einem fremden Land auf der Bühne zu stehen?
Es ist deutlich anstrengender, weil man immer Jetlag hat. Besonders die ersten Proben und Vorstellungen sind anstrengend, aber nach einiger Zeit reguliert sich das. Ansonsten nimmt sich das am Ende aber nicht so viel, da alle Bühnen weltweit recht ähnlich sind.

Gibt es auch Dinge, an die Du Dich eher ungern zurück erinnerst?
Natürlich gibt es auch negative Sachen, aber das Gehirn funktioniert da ganz gut. Die schlechten Dinge werden aus den Erinnerungen herausgeschnitten, das ist bei mir auch so. Natürlich gab es immer mal wieder auch Enttäuschungen, das gehört zum Leben auch ein Stück weit dazu. Aber ich wäre nicht 19 Jahre hier gewesen, wenn es nicht überwiegend eine tolle Zeit gewesen wäre.

Welche Personen haben Dich in Deiner Zeit hier in Berlin besonders geprägt?
Für mich persönlich, das liegt jetzt schon etwas länger zurück, war das Oliver Matz. Er war Erster Solotänzer und Kammertänzer an der Staatsoper Unter den Linden. Er ist schon einer der ganz Großen, den ich mir immer wieder ins Gedächtnis gerufen habe und der eine gewisse Vorbildwirkung auf mich hatte, obwohl wir völlig verschiedene Typen sind.

Deine offiziell letzte Vorstellung auf der Bühne war „Romeo und Julia“ am 16. Mai    2016. Wie hat sich das für Dich angefühlt?
Es war ein Wechselbad der Gefühle und  Prokofieff hat da mit seiner großartigen Musik sein Übriges getan. Es hat mir aber überraschenderweise mehr Spaß gemacht als erwartet. Es war eine sehr positive Atmosphäre. Am Ende waren alle Kollegen und Freunde einfach zauberhaft.

Was wird Dir am meisten fehlen? Und worauf freust Du Dich schon jetzt am meisten?
Fehlen wird mir tatsächlich die tägliche Bewegung. So sehr man das manchmal verflucht, es ist eigentlich ein Segen. Andere Leute zahlen viel Geld für ein Fitness-Studio (lacht) und wir haben das Vergnügen, uns jeden Tag zu bewegen. Auch werde ich es auf jeden Fall sehr vermissen, mit anderen Menschen so eng zusammenzuarbeiten. Ich freue mich, auch wenn es mir gleichzeitig ein bisschen Angst macht, auf neue Herausforderungen. Ich glaube, dass ist auch ein gewisser Vorteil an unserem Beruf, dass man irgendwann aufhören und etwas Neues anfangen muss.

Würdest Du Dich im Nachhinein wieder für diesen Job entscheiden?
Sofort! Ohne wenn und aber.

Wie sehen Deine Zukunftspläne aus?
Ich werde nach Mannheim an die Staatliche Hochschule für Musik und
Darstellende Kunst gehen und dort Tanzpädagogik studieren.

Das Interview führte Chiara Berckhahn

After 19 years on the big stage, corps de ballet dancer Sven Seidelmann gives his farewell to the ensemble of the Staatsballett Berlin. In this interview, he tells us what he plans to do after his time as a ballet dancer, what he is looking forward to do and whom and what he will remember.

How did you start your ballet career and when did you come to Berlin?
In 1989, I went to the Palucca School in Dresden and in 1993 I was accepted at the Staatliche Ballettschule Berlin. So I spent four years in Dresden and then four years in Berlin, and after that I was directly hired by the Staatsoper Unter den Linden, this was in 1997. Since then I have been performing on the Berlin stages. When the Staatsballett Berlin was founded, I have been taken over, so everything went pretty straight for me. The 2015/2016 season is my 19th season.

Was becoming a ballet dancer always your career aspiration?
When I started my ballet education I knew that I wanted to do that. I thought: If my body can cope with the strain, I will become a dancer.

How have you been introduced to ballet?
Actually, because of my grandmother. She read an article that the Palucca School is looking for young talents and then we went to the entrance examination, I did the aptitude test and then everything went pretty fast.

If you look back at the time here at the Staatsballett Berlin: what are the first     memories that come to your mind?
I especially remember the guest performances, which were always a pleasure to me. I like the special situation of a tour because everything is so different from your day-to-day life. Everybody has to work together as a team. It is fun and also challenging to present yourself on stage at least as good as here in Berlin.
To get to know other countries and cultures is, of course, a nice side effect. In addition to that I always enjoyed the preparation for premieres. And although the time of preparation always was demanding extremely it was always something special.

Which guest performance was your personal highlight?
Japan was great, we were there two times. Each time for three weeks. At the second time we had perfect weather and more free time for exploring the country. Taipei was great as well. That was two years ago with “La Péri” and “Caravaggio”.

What is special about performing on stage in another country?
It is more exhausting, because of the jet lag. Especially the first rehearsals and performances are exhausting but after some time it gets easier. But in the end it does not differ that much because all over the world the stages are pretty much the same.

Are there also things you don’t like to remember?
Of course negative things happened, too, but fortunately the brain works pretty well. It cuts out the bad memories. There were some disappointments but this belongs to life as well. I would not have spent 19 years in the company if it was not a great time in general.

Which people have influenced you here in Berlin?
That’s some time ago, but definitely Oliver Matz. He was a Principal Dancer and “Kammertänzer” at the Staatsoper Unter den Linden. He is one of the grand dancers, I often recalled him in my mind, he was a role model to me, even though we are completely different types.

Your official last performance on stage was “Romeo and Juliet” on the 16 of     May 2016, what did that feel like?
It was a mix of emotions and Prokofieff definitely contributed to that with his great music. It was more fun than I had expected. It was a very positive atmosphere. At the end all colleagues and friends were simply magical.

What are you going to miss the most and what are you looking forward to?
I will miss the daily body routines. As much as one might hate it at times, it actually is a blessing. Other people pay a lot of money for a fitness studio (laughs) and we have the pleasure to move our bodies every day. And working so close together with other people is another thing that I´m definitely going to miss a lot. I am looking forward to new challenges, although at the same time I´m a little afraid of it as well. I think it is an advantage of our job that at one point we have to start something new.

Looking back, would you choose the job of a dancer again?
Immediately! Without any doubts.

What are your plans for the future?
I will move to Mannheim at start studying Dance Pedagogy at the Mannheim Academy of Dance.

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