NEUE HEIMAT


Ksenia Ovsyanick aus Weißrussland und Denis Vieira aus Brasilien sind zwei von zehn Neuzugängen des Staatsballetts Berlin. Im Gespräch in Ksenias Garderobe über Heimat, Herausforderungen und Tanzträume lernen sich die beiden Ausnahmetalente kennen und auf Anhieb verstehen. 

Ksenia Ovsyanick: Willkommen in Berlin (lacht)!

Denis Vieira: Willkommen in Berlin! Wenn man sich bewusst macht, wie und wo der eigene Weg begann und wohin er führte, staunt man, oder?

Ksenia: Ja, das stimmt. Ich bin in Minsk geboren und wusste mit vier Jahren, dass ich Tänzerin werden will. Mit Unterstützung meiner Eltern besuchte ich die Ballettschule in Weißrussland. Ich war aber neugierig und wollte wissen, was international möglich ist. Deshalb nahm ich an verschiedenen Wettbewerben teil, so auch am Prix de Lausanne. Schließlich wurde ich nach London eingeladen, an die English National Ballet School. Nach dem Studium wechselte ich in deren Compagnie. Um mich weiterzuentwickeln, tanzte ich beim Staatsballett Berlin vor. Tja, und nun bin ich seit einer Woche hier. Und Du, was führte Dich hierher?

Denis: Du wirst es nicht glauben, aber vor 10, 15 Jahren war es gar nicht so leicht, in Brasilien – dem Land der Rhythmen! – Tänzer zu werden. Als Fußballer hätte ich es leichter gehabt. Aber ich hatte nun einmal den Rhythmus im Blut (lacht). Meine Mutter sagt, ich habe schon immer getanzt. Mit acht Jahren traf ich die Entscheidung, Balletttänzer zu werden. Ich wollte es unbedingt, musste aber hart dafür kämpfen. Tatsächlich bekam ich einen Platz an der Bolshoi Theatre School im Süden Brasiliens. Von dort ging ich mit 16 Jahren in die Compagnie des Teatro Municipal in Rio de Janeiro und schließlich zum Ballett Zürich. Als Künstler willst du dich ja immer weiterentwickeln. Das bedeutet, neue Herausforderungen zu suchen: ein neuer künstlerischer Einfluss, eine größere Compagnie, eine andere Stadt. Daher nun Berlin!

Ksenia: Berlin ist toll, offen, im Wandel. Als ich eine neue Herausforderung wollte, suchte ich eine Stadt, die ähnlich international und weltoffen ist wie London. Berlin hatte mich immer begeistert. Die Atmosphäre, die Kunst-Szene, die Vielfalt.

Denis: Im Gegensatz zu London und Berlin ist Zürich ein Dorf (lacht). Es ist schön, dort zu leben, aber Zürich erschien mir weniger offen, nicht so lebendig wie Berlin. Hier flirrt es, überall geht etwas ab, man kommt schnell mit den Menschen ins Gespräch.

 

Proben mit Nacho Duato: Ksenia Ovsyanick und Denis Vieira geben am 19. Oktober 2016 ihr Debüt in „Der Nussknacker“. Foto: Yan Revazov

Ksenia: Wenn man die Compagnie wechselt, ein Zuhause aufgibt, ist es wichtig, möglichst schnell einen Zugang zur neuen Umgebung zu finden. Am ehesten gibt mir wohl London das Gefühl, zu Hause zu sein – dort habe ich meine Jugendjahre verbracht, meine große Liebe kennengelernt, geheiratet und ein Haus gekauft –, aber ich fühle mich eigentlich in der ganzen Welt daheim. Ich liebe es, in neuen Städten zu leben und neue Kulturen kennenzulernen. Kennst Du dieses Gefühl auch?

Denis: (lacht) Meine Heimat sind Ipanema Beach, meine Familie, Kokosnusswasser und viel Sonne. Aber ich finde auch, dass man überall ein Zuhause finden kann. Ich bin ein häuslicher Mensch, koche gern, und so war es für mich wichtig, eine schöne Wohnung zu finden. Die habe ich gefunden. Beim Staatsballett Berlin fühlte ich mich von Anfang an willkommen und geborgen. Dieser Ort gibt mir das Gefühl, mein Potenzial entfalten zu können. Das hat natürlich sehr viel mit den Menschen zu tun, mit denen man arbeitet. Nacho Duato ist nicht nur ein visionärer Choreograph, der die Tänzer fordert, sondern auch jemand, der uns als ganz individuelle Menschen sieht und fördert. Das ist toll!

Ksenia: Da gebe ich Dir recht. Auch ich möchte als Tänzerin und als Mensch wahrgenommen werden. Nur wer dieses Gefühl hat, fühlt, dass er am richtigen Ort ist. Die Menschen hier machen es einem wirklich leicht, anzukommen und sich wohlzufühlen: Nacho, die Kollegen der Compagnie und all jene aus den vielen Büros.

Denis: Mein erster Eindruck vom Staatsballett Berlin war der eines reifen und gestandenen Hauses, etabliert und tief verwurzelt in der eigenen Kultur und Geschichte. Hier arbeiten zwar sehr viele Menschen, aber jeder weiß ganz genau, was er zu tun hat. Das mag ich.

Ksenia: Als ich zum ersten Mal zur Audition hier war und mir eine Vorstellung ansah, fühlte ich mich an mein Theater in Minsk erinnert, an dieses spezielle „russische Flair“. Damit meine ich die Ernsthaftigkeit und den Anspruch an die Kunst. In Russland ist das Ballett wichtiger Bestandteil der Kultur, der Tanz hat dort eine lange Tradition. Und ein bisschen davon habe ich auch hier gespürt. Dieses Gefühl des Wiedererkennens war es, was mich so überzeugt hat (lacht).

Denis: Ein derart guter Start schenkt Vertrauen für das, was nun vor uns liegt. Am 19. Oktober sind wir zum ersten Mal gemeinsam mit „Der Nussknacker“ auf der Bühne. Choreographiert und inszeniert von Nacho Duato. Ich bin sehr gespannt.

Ksenia: Hast Du bestimmte Vorlieben: klassisches Ballett, neoklassisches oder zeitgenössisches?

Denis: Ich tanze alles! Das Klassische liegt mir zwar, aber ich liebe es, mich auf Neues einzulassen. Daran wächst man. Wenn ich mir eine Rolle aussuchen dürfte, dann wäre das „Onegin“ von John Cranko nach dem Roman von Alexander Puschkin. Diese Rolle habe ich in Brasilien einmal getanzt, es war die wichtigste meines Lebens, würde ich sagen. Sie hebt einen als Künstler auf eine andere Ebene. Und auch als Mensch.

Ksenia: Das Stück erforscht die menschliche Natur in großer Tiefe und in jeder Hinsicht. Bei mir wäre es übrigens die Tatjana auch aus „Onegin“. Es wäre wunderbar, diese Rolle zu tanzen.

Denis: Na, dann lass’ uns gemeinsam daran arbeiten – willkommen Berlin.

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