Interview mit Nacho Duato


Am 21. April 2017 hebt sich der Vorhang für die Premiere von „Duato | Shechter“ mit Nacho Duatos zweiter Kreation für das Staatsballett Berlin und der Einstudierung eines Werkes von Hofesh Shechter, der erstmals mit dem Staatsballett arbeitet. „Duato | Shechter“ ist ein Doppelabend, mit dem das Staatsballett Berlin seine ästhetischen Grenzen erweitert. Im Interview erzählt Nacho Duato, Intendant des Staatsballetts, wie er es schafft, in seinen Choreographien politisch zu werden. Wie macht er das?

Nun ja, Politik hat auch viel mit Leidenschaft und mit Gefühlen allgemein zu tun, oder? Man kann doch eigentlich alles in einen politischen Kontext bringen. Ich meine, sogar „Giselle“ ist ein politisches Ballett. Der Prinz darf seine Angebetete nicht heiraten, weil sie nicht seinem Stand angehörig ist. Oder „Schwanensee“ – auch total politisch. Aber natürlich werden diese Werke eigentlich nie politisiert, das stimmt. Das Publikum geht schließlich ins Ballett, um eine schöne Ballerina zu sehen oder einen Prinzen. Die Besucher wollen nicht das Programmheft aufschlagen und erst einmal die Deklaration der Menschenrechte lesen müssen. Speziell das konservative Publikum, das meistens mehr als 20 Euro für das Ticket bezahlt, möchte das nicht.

So ähnlich war das aber bei „Herrumbre“, Ihrer Choreographie über den terroristischen Bombenanschlag in Madrid, die das Staatsballett vor ungefähr einem Jahr aufführte. Damals verteilte Amnesty International im Anschluss an die Vorstellung eine Broschüre gegen Folter – eine Provokation nach einem schon nicht leicht zu verdauenden Stück, oder?

Ja, aber so sollte es sein! Für „Erde“, mein neues Stück, haben wir Greenpeace als Partner gewinnen können. Für mich ist das etwas sehr Besonderes. Normalerweise geht es beim Ballett um die Zusammenarbeit mit großen Stars oder wichtigen Geldgebern wie Mercedes Benz. Aber grade diese Verbindung zu Greenpeace finde ich unheimlich wichtig, in so einer Stadt wie Berlin, die so rau ist, so viele Probleme hat, in der so viele Nationalitäten auf kleinem Raum zusammenleben. Ich zumindest bin sehr stolz darauf und gespannt, inwiefern sich da noch Synergien ergeben.

Sie verzichten also lieber auf das Publikum, das solche Verbindungen und Querverweise zu anstrengend findet, und machen dafür Stücke, die Ihnen wirklich auf der Seele brennen?

Natürlich zieht „Schwanensee“ mehr Publikum an als zum Beispiel „Herrumbre“. Ich kann das auch verstehen. Wer geht nach einem harten Tag im Büro schon ins Theater, um solch ein ernstes und drastisches Stück zu sehen? Da kommt dann ein Publikum, das, so glaube ich, keine Angst vor Konfrontation hat. Es möchte selbst reflektieren dürfen, was es vorgesetzt bekommt, und nicht etwas sehen, das nichts mit der eigenen Realität zu tun hat. Dabei mag ich selber ja auch die großen Klassiker, habe sie choreographiert, „Dornröschen“ und „Nussknacker“ zum Beispiel. Aber meine eigene Arbeit fokussiert sich dann doch meist auf solche Themen, die mich selbst auch betreffen und berühren. Das Gute ist am Ende, dass wir auf kein Publikum verzichten müssen, weil es eben auch die anderen Werke zu sehen gibt. Ich möchte auf niemanden verzichten, sondern nur für alle etwas auf die Bühne bringen.

Und „Erde“, Ihre neue Choreographie, die am 21. April 2017 gemeinsam mit Hofesh Shechters „The Art of Not Looking Back“ zur Uraufführung gebracht wird, ist ein solches Stück, dessen Inhalt Sie betrifft und berührt?

Ja, genau. Es handelt von unserem Planeten, den wir, ohne Verantwortung zu übernehmen, einfach zerstören. Und wir werden unter den Folgen noch leiden – viel leiden. Die Choreographie hat aber insgesamt einen optimistischen Grundton, denn ich habe schon das Gefühl, dass die Menschheit langsam beginnt zu verstehen, was zu tun ist, um diese Zerstörung aufzuhalten. Naja, es gibt schon Länder, in denen Umweltschutz bis heute sträflich vernachlässigt und Folgen der Verschmutzung sogar verleugnet werden. Klar, grade jetzt unter dem neuen Präsidenten der USA gab es wieder einen Aufschwung solcher Meinungsmacher. Aber ich glaube, dass so etwas auch dazu führen kann, dass sich die Gegenseite – in diesem Fall die Seite pro Umweltschutz – noch gezielter formiert und dann endlich auch handelt. Ich denke, die Anzeichen sind so massiv, die kann doch keiner mehr übersehen.

Wie sind Shechters und Ihre Choreographie miteinander verbunden?

Nun, in beiden Stücken gibt es elektronische Musik. Hofesh Shechter hat für „The Art of Not Looking Back“ seine eigene Musik geschrieben, und ich habe Musiker beauftragt. Darunter zwei Komponisten Pedro Alcalde und Sergio Cabballero, vom berühmten Sónar Festival, und drei Musiker, die häufig als DJs arbeiten und die manche sicher kennen: Richie Hawtin legt regelmäßig im Berghain auf, Alva Noto ist ein berühmter deutscher Künstler, der schon öfter gemeinsam mit Mika Vainio, dem dritten im Bunde und bekannt für seine Minimal- und Ambiance-Werke, Projekte gemacht hat. Und die Kombination aus dieser klassischen und der elektronischen Musik ist wirklich richtig gut geworden.

Gibt es denn auch inhaltlich eine Verbindung zwischen den beiden Werken?

Nein, das nicht, aber Shechter und ich benutzen ein sehr ähnliches choreographisches Vokabular: stark, geerdet, seine Tänzerinnern sind barfuß, bei mir tragen sie Sneaker. Ich glaube, dass unsere Stücke sehr gut zusammen passen, sie ergänzen sich.

Das Interview führte Renske Steen

// On 21st April 2017 the curtain rises for the premiere of “Duato | Shechter”, made up of Nacho Duato’s second work for the Staatsballett Berlin and a rendition of a piece by Hofesh Shechter, his first collaboration with the Staatsballett.
„Duato | Shechter“ is a double bill evening, with which the Staatsballett Berlin expands its aesthetic boundaries. Yet Nacho Duato, General Artistic Director of the Staatsballett, manages to be political in his choreography. How does he do that?

Well, politics is a lot about passion and feelings, too, right? Pretty much anything can be seen in a political light. I mean, even “Giselle” is a political ballet. The prince can’t marry his little darling because she’s of low birth. Or look at “Swan Lake” – political to its fingertips. But you’re right, these works are hardly ever politicised. Audiences go to a ballet to see a pretty ballerina or a prince. They don’t want to open their programme and have to plough through the Declaration of Human Rights. And the conservatives among them certainly don’t, most of whom have paid upwards of 20 euros for their ticket.

That was more or less what they were doing, though, with “Herrumbre”, your choreography dealing with the terrorist bombing in Madrid, which played at the Staatsballett a year ago. After the performance Amnesty International had people handing out leaflets condemning torture. Wasn’t that a little provocative, coming right on top of a show that itself was a little hard to digest?

It was, yes, but that’s how it should be! For my first work, “Erde”, we had Greenpeace on board. I was really chuffed at that. Usually in ballet you’re involved with big stars or big sponsors like Mercedes Benz, which is why I think the link to Greenpeace is so important in a city like Berlin, which is so raw and plagued with problems and full of people from different countries living in such close proximity to one another. I, for one, am proud of it and it’ll be interesting to see if any synergies come out of it.

So in effect you’re happy to alienate people who are turned off by these kinds of connections and references. You prefer to put together choreographies that highlight issues that are important to you.

“Swan Lake” is always going to pull in bigger audiences than “Herrumbre”, for instance, and I totally get that. Who wants to subject themselves to a serious, drastic work after a hard day in the office? The impression I get is that the audiences that turn up to my stuff are not trying to avoid confrontation. They want to make up their own minds about the material that’s dished up for them and not be presented with something that’s detached from their own reality. That said, I like the great classics, too, and have choreographed them, “Sleeping Beauty” and “The Nutcracker”, for example. But my own work mostly deals with issues that affect me and move me personally. In the end no one has to be alienated, because the other works are being staged too. I don’t want to be deciding consciously against a particular audience; I just want to present stuff that’s right for one audience or another and I want everyone to get what they’re looking for.

Your new choreography, “Erde”, has its world premiere on 21st April alongside Hofesh Shechter’s “The Art of Not Looking Back”. Is “Erde” the kind of work that affects and moves you?

It is, definitely. It’s about our planet, the one we’re destroying without a thought for our own recklessness. And we’re going to suffer the consequences – big consequences. But the choreography is fundamentally optimistic, because I do get the impression that humanity in general is gradually realising what has to be done if we’re going to halt the destructive process.

Hmm, in some countries there is zero movement on environmental protection and wholesale denial of the repercussions of pollution.

Oh yes. And since the change of presidents in the USA recently there’s been a surge in the number of people pushing that fake agenda. But in my opinion, that can also have the effect of nudging the other camp – in this case the environmentalists – to get their act together and take real action at last. If you ask me, the signs are so overwhelming that no one can close their eyes to them.

What connection is there between your choreography and Shechter’s?

Both works have electronic music. Hofesh Shechter wrote his own music for “The Art of Not Looking Back” and I commissioned musicians. They included two composers and three musicians who DJ regularly and whom many people will have heard of. Richie Hawtin is often playing at Berghain, Alva Hoto is a well-known German artist, who has often worked on projects with Mika Vainio, the third guy in the group, who’s known for his minimal and ambient material. And this combination of classical and electronic music has turned out really well.

So is there a thematic link between the two works?

No, but Shechter and me have very similar dance vocabularies – powerful, earthed. His dancers are barefoot, mine wear trainers. I think the two works go very well together. They complement each other.

Interview: Renske Steen

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