Tag Archive | Staatsballett Berlin

IM GOLDRAUSCH


Spitzen, Garne und viel Goldbordüre: Für die Premiere von Nacho Duatos „Dornröschen“ am Staatsballett Berlin arbeiten die Kostümwerkstätten fast ein Jahr lang an den rund 150 Kostümen. Ein Blick hinter die Kulissen

Sie entwirft die 150 opulenten Roben und Kostüme für die Staatsballett-Premiere „Dornröschen“ – und kleidet sich ganz minimalistisch: Angelina Atlagic trägt Schwarz-Weiß. Schwarze Strickjacke, schwarze Jeans, weiße Details bei der Bluse; ihr Outfit erinnert an Karl Lagerfeld. Gerade steckt sie das hellrosa Tutu an Prinzessin Aurora zurecht, der Ersten Solotänzerin Iana Salenko. Atlagic ist so zierlich, als sei sie Tänzerin gewesen – dabei hat sie früher Volleyball gespielt.

Mittlerweile ist ihr Spielfeld die Kostümabteilung der Deutschen Oper Berlin – unter anderem, Atlagic wird international gebucht. Das akute Problem: An der Taille werfe das Kostüm Falten, moniert sie. Kostüm-Projektleiterin Susan Kohlmorgen und die anwesenden Gewandmeisterinnen diskutieren, was helfen könnte. Fazit: Bis zur nächsten Anprobe wird das Tutu-Oberteil neu vernäht. Nicht in der Deutschen Oper, sondern in den Kostümwerkstätten des Bühnenservice Berlin.

Der liegt circa zehn Kilometer entfernt zwischen dem Club Berghain und einem Baumarkt. Wo früher die Zeitung „Neues Deutschland“ produziert wurde, lassen seit vier Jahren das Staatsballett Berlin, aber auch Berliner Opern- und Theaterhäuser ihre Bühnenbilder und Kostüme fertigen, inklusive Hüten und Schuhen. Ein Gebäude mit 25.000 Quadratmetern Gesamtfläche und aufwändig entkernt: Fast technokratisch wirkt der Komplex im Kontrast zu den verspielten Teilen, die hier entstehen. Erst hinter den großen Glastüren der Kostümwerkstätten geht es wuselig kreativ zu.

Staatsballett_Magazin_03_gedreht_Seite_5_BlogRainer Gawenda ist als Werkstattleiter der Kostümwerkstätten beim Bühnenservice verantwortlich für jährlich 4.000 Kostümteile, hergestellt für rund 90 häuserübergreifende Stücke. Etwa 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen ihm zur Verfügung, meist hoch spezialisierte Schneiderinnen. Bei der Kreation federführend sind sechs Gewandmeisterinnen. Vier von ihnen verwandeln derzeit die „Dornröschen“-Skizzen von Atlagic in dreidimensionale Kostüme. Gawenda zeigt auf ein Prinzenkostüm: Gerade werden die Spitzengarnituren am Halsausschnitt des glänzenden hellgrünen Gehrocks vernäht.

Immer wieder reist Atlagic aus ihrem Belgrader Studio an, um die Fortschritte unter die Lupe zu nehmen und sich mit den Projektleitern zu besprechen. Anfang 2014 brachte sie erste Entwürfe zu Papier, die sogenannten Figurinen. Atlagic hat schon die Kostüme für Nacho Duatos „Dornröschen“-Inszenierung am Mikhailovsky-Theater in St. Petersburg kreiert und sich von historischen Aufführungen inspirieren lassen; ehemalige russische Tänzerinnen hatten ihr sogar Bücher mit alten Zeichnungen und Fotos gebracht. Für die Berliner Aufführung wurde jedoch aufwändig modifiziert und modernisiert, weswegen Atlagic, Kohlmorgen und Gawenda von einer Neuentwicklung sprechen: detailverliebter, die Farben gedeckter. Atlagic nennt ihre Kollektion „eine Mischung aus Barock und Minimalismus“. Mehr Golddekor gibt es selbst im Schloss Sanssouci nicht. Überall ornamentale Applikationen im Stil alter Metallfadenstickereien, Blumenranken auf Seide, sogar an den Stiefeln.

Hunderte von Garnen, nach Farben sortiert; die Gewandmeisterinnen mit Metermaß um den Hals; Perlen und Swarovski-Steine, die von Kostümmalerinnen einzeln geklebt werden, etwa auf die Tutudecke; Kleiderstangen voll prachtvoller Unikate aus Tüll, Federn und Spitze – als sei man in ein Pariser Haute-Couture-Atelier geraten. Wobei die Kostümherstellung ungleich komplizierter ist als die einer individuellen Robe für die reiche Dame. Gawenda erklärt: „Gerade Balletttänzerinnen und -tänzer bewegen sich auf der Bühne enorm. Die Stoffe müssen deshalb bei allen optischen Finessen extrem belastbar und flexibel sein. Da darf nichts reißen.“ Atlagic betont den Komfortfaktor: „Alle von mir entworfenen Kostüme müssen so bequem sein, dass ich sie selbst tragen würde.“

Damit die Produktion der Kleider perfekt läuft, braucht der Bühnenservice das richtige Werkzeug, etwa robuste Industrienähmaschinen, spezielle Knopflochmaschinen und riesige Bügelanlagen mit integriertem Heizluftkessel. Ein jahrzehntealtes Relikt ist die Fixierpresse: Sie stabilisiert leichte Textilien mit schweren Unterstoffen. Fertige Kostüme hängen an Kleiderstangen im Flur zur Abholung parat; ein Kurier beliefert zweimal täglich alle Ensembles. Damit ja keine Deadline vergessen wird, prangen die Premierentermine aller Häuser an den Wänden der Schneidereien, in der Kostümmalerei, bei den Modisten und Schuhmachern – auch der 13. Februar für „Dornröschen“.

Die Kostüme für „Duato I Kylián“ mit Premiere am 14. Mai sind bereits in der Entwurfsphase. Im Vergleich zu „Dornröschen“, sagt Atlagic, seien sie „pures Understatement“. Für seine erste Kreation für das Staatsballett Berlin wünschte sich der Intendant etwas Reduziertes. Atlagic, die Duato seit zehn Jahren kennt, schätzt sein Proportionsgefühl. Gemeinsam finden sie stets einen Weg, wie die Kostüme die Choreographie unterstützen, nicht mit ihr konkurrieren – egal ob die Ausstattung nun schlicht oder schmuckvoll wird. Für Gawenda hingegen ist die Sache klar: „Besucher von Theater oder Ballett lieben ausladende Kostüme.“ Steckt schließlich auch jede Menge Arbeit dahinter, wie nach diesem Tag einmal mehr deutlich wird.

Staatsballett-Magazin, Ausgabe 3 – Spielzeit 2014/2015

GESUCHT UND GEFUNDEN


Am 25. Januar 2015 war es wieder soweit: das Staatsballett Berlin lud zum jährlichen Vortanzen. Über 750 Bewerbungen aus aller Welt gingen ein, von denen Nacho Duato 250 Tänzerinnnen und Tänzer für die Audition auswählte. Einen ganzen Tag lang arbeitete der Intendant des Staatsballetts mit den Bewerberinnen und Bewerbern. Alle waren sie gekommen, um eine der wenigen freien Stellen in der Compagnie zu ergattern. Jetzt laufen die Verhandlungen mit den ausgewählten Damen und Herren. Was wir schon verraten dürfen: Sie stammen aus Russland, Korea, Großbritannien, Spanien und Brasilien.

25 January 2015 was an important date for many people: 250 dancers auditioned for one of the rare positions in the Staatsballett Berlin. Even more – 750 – had applied. A selected few of them will join the company with the start of the 2015/2016 season. We say “Welcome!” and wish everybody a happy move from Russia, Korea, the UK, Spain and Brasil to Berlin!

EIN TAG MIT …


Die beiden Ersten Solisten Iana Salenko und Marian Walter sind nicht nur auf der Bühne ein Paar. Auch ihr Privatleben mit Sohn und zwei Hunden in ihrem Häuschen unweit des Flughafens Tegel teilen sie miteinander. In dem aktuellen Staatsballett-Magazin geben sie uns Einblick in ihren Alltag

07.00 Uhr: „Um sieben klingelt bei uns der Wecker“, erzählt der Erste Solotänzer Marian Walter (33), seit zehn Jahren verheiratet mit der Ukrainerin Iana Salenko (31), ebenfalls Erste Solotänzerin am Staatsballett Berlin. Mit Sohn Marley (6) und den Möpsen Dina und Charly wohnen sie in Tegel. Während die rothaarige Ukrainerin Brötchen in den Ofen schiebt, geht ihr Mann mit den Hunden vor die Tür. „Um neun bringen wir Marley in den Kindergarten, dann fahren wir zum Staatsballett. Das Ballett-Training beginnt zwar erst um zehn. Aber so bleibt genug Zeit zum Umziehen, Aufwärmen – und manchmal auch für ein zweites Frühstück“, sagt Marian.

10.00 Uhr: Beim Training trennen sich zum ersten Mal ihre Wege: Marian übt mit den Männern, Iana ein Studio weiter bei den Frauen. „Manche Frauen trainieren aber lieber mit uns“, verrät Marian. „Unser Training ist kraftvoller, dafür wird mehr gelacht!“ Ins Schwitzen kommen jedoch beide Gruppen. Die Temperatur in den Proberäumen steigt nach vielen Pliés und Sprüngen merklich an.

11.00 Uhr: Zeit zum Ausruhen bleibt nicht. Iana und Marian proben nach dem Training für „Ratmansky I Welch“. Er tanzt die Hauptrolle in der Choreographie „Namouna“ von Alexei Ratmansky, sie ist Solistin in der Choreographie „Clear“ von Stanton Welch. Spaß bei der Probe haben beide: Marian, in knappen Shorts, setzt zu früh zum Sprung an und prustet los. Nebenan wird Iana von zwei Tänzern so weit hochgehoben, dass sie kaum mehr herunterkommt. „Normalerweise proben wir täglich für mehrere Inszenierungen“, sagt Iana, die ab Februar 2015 die Prinzessin Aurora in „Dornröschen“ tanzen wird. „Dabei die einzelnen Choreographien im Kopf zu behalten ist nicht so leicht.“

12.30 Uhr: „Ratmansky I Welch“ ist heute die letzte Probe für das Solistenpaar. Die Vorstellung ist für Marian und Iana eine Premiere – sie tanzen zum ersten Mal in dieser Produktion. Zuvor steht noch ein Abstecher in die Kostümabteilung an. Wenig später steckt Iana in einem rosa Tutu, welches sie als Aurora tragen wird. Vor ihr stehen zwei Gewandmeisterinnen und Kostümbildnerin Angelina Atlagic. Problem: Das Tutu ist auf Taillenhöhe zu locker. Marian marschiert als Prinz Desiré im blauen Samtjackett durch die Garderobe. „Ich bin immer schneller mit der Anprobe fertig“, erzählt der Tänzer, der seit fast 13 Jahren in Berlin auf der Bühne steht.

13.30 Uhr: Endlich essen! „Wir verbringen die Mittagspause immer bei uns in der Kantine“, sagt Iana. Vor ihr stehen eine Nussschnecke und ein Cappuccino. Marian hingegen mag es herzhaft und bestellt Spiegelei, Blumenkohl und Kartoffelpüree. „Unser Sohn hat schon im Kindergarten gegessen. So sparen wir uns das Kochen zu Hause.“ Am Nachmittag haben Iana und Marian ihre Ruhezeit, da sie heute Abend auf der Bühne stehen werden. Auch die Arbeitszeit von Tänzern ist klar geregelt. Sie holen Marley ab, spielen mit ihm, gehen mit den Möpsen Gassi, ruhen sich aus und trinken Kaffee. Für den Nachmittag sind die beiden eine ganz normale Familie – so wie viele andere Paare beim Staatsballett.

17.00 Uhr: Drei Stunden vor der „Ratmansky I Welch“-Aufführung. „Zum Glück wohnt meine Familie in Berlin. So haben wir fast immer einen Babysitter für Marley“, sagt Marian auf dem Weg zur Tante. Eine Stunde später: Ankunft in der Staatsoper im Schiller Theater. Die nächsten 90 Minuten verbringen Iana und Marian mit Umziehen, Maske und Aufwärmen. „Vor Auftritten bin ich immer noch nervös“, gesteht Iana. Sie steht zuerst auf der Bühne. Marian tanzt etwas später. Um 22 Uhr schließt sich der Vorhang.

22.30 Uhr: Nach der Vorstellung sind Iana und Marian noch mit Freunden bei einem Italiener in Tegel verabredet; Marley übernachtet bei seiner Tante. Das Paar hat zwar am nächsten Tag frei, spät wird es heute jedoch nicht. „Nach so langen Tagen mit Proben und Aufführung sind wir meist schon um Mitternacht total müde.“ Und genau dann gehen die beiden auch ins Bett.

Staatsballett-Magazin, Ausgabe 2 – Spielzeit 2014/2015

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