NEU IM ENSEMBLE: LUCIO VIDAL


Lucio Vidal stammt aus Buenos Aires, Argentinien, und kam Anfang dieses Jahres als Gruppentänzer zum Staatsballett Berlin. Zu seinem Engagement gab es hier und da verwunderte Reaktionen – mit 31 Jahren und einem fast gänzlich in zeitgenössischen Compagnien aufgebauten Repertoire tanzt er nun im größten klassisch geschulten Ensemble Deutschlands.

Mit Nacho Duato verbindet ihn ein gemeinsames Jahr an der Compania Nacional de Danza in Madrid. In dessen Choreographie „White Darkness“ ist Lucio Vidal seit Mai hier auf der Bühne zu sehen und hat scheinbar nicht nur bei uns Eindruck hinterlassen. Kurz bevor ich das Gespräch mit ihm beginne, tritt eine Dame an uns heran und bittet ihn um mehrere Autogramme.

Welche Bedeutung kommt Ballett in Deinem Leben zu?

Es ist ein Lebensstil, eine andere Art zu sein.

Du siehst nicht wie der übliche, klassisch geschulte Balletttänzer aus. Dein Zugang ist modern und sowohl in den Proben als auch auf der Bühne ziemlich markant.

Es fühlt sich natürlich anders an, in einer klassisch geschulten Compagnie zu sein. Ich war bisher noch nie in einem Ensemble mit mehr als 30 Tänzern engagiert. Das Training ist anders … und die Art der Einstudierung. Oder allein schon im Studio zu stehen. Die Energie, die im Raum herrscht, ist eine andere.Früher bin ich zu Proben gegangen und konnte mich ganz auf mich konzentrieren. Hier aber ist man sich den anderen bewusst und scheinbar auch darauf bedacht, ihnen etwas zu zeigen. Vor allem der Anfang war hart und verwirrend für mich.

Wie entstand Dein Wunsch, Balletttänzer zu werden?

Es hat sich mit der Zeit ergeben. Ich habe nie wirklich davon geträumt. Ich habe sehr spät angefangen Ballett zu tanzen, im Alter von 17 Jahren. Bis dahin hatte ich viele Kurse in Gesang und Theater belegt, aber nur einen in Ballett. Ich fand Ballett unsagbar anstrengend. Aber genau deswegen fing ich an, mich mehr damit zu beschäftigen. Ich nahm viele zusätzliche Stunden und am Ende kam alles zusammen. Ich erhielt einen Vertrag vom San Martin Theater und blieb dort ein Jahr. Danach habe ich eine Weile in einer klassischeren Compagnie getanzt. Es war alles sehr kommerziell dort, nicht zu vergleichen mit hier. Aber die Umstellung war schon sehr schwer. Ich lerne Ballett quasi während meiner Karriere.

© Fernando Marcos
© Fernando Marcos

Hattest Du dann Vorbilder? Sowohl Tänzer als auch Choreographen?

Ja, natürlich. Erst sie können deine Sicht prägen. Mats Ek kennenzulernen hat mich vollkommen verändert.

Von ihm unterrichtet zu werden und mit ihm zu arbeiten war unfassbar. Er hat mich gelehrt, Dinge zu erfragen und nicht allein das zu tun, was mir diktiert wird. Nicht zu kopieren. Gründe und eigene Motivationen zu finden. Neben Mats Ek bewundere ich vor allem auch Jirí Kylián und Nacho Duato.

Reizen Dich denn bestimmte Rollen? In Ihren Stücken zum Beispiel gibt es ja kaum explizite Partien.

Das stimmt. Ich liebe es, Charakter zu tanzen … aber überhaupt alles mit meinem Körper auszudrucken. In modernen Balletten gestaltet sich das natürlich schwieriger, alles ist abstrakt. Sie haben auch eine andere Sensibilität. Aber letztendlich gebe ich einer Rolle selbst Charakter, egal um welche es sich handelt. Eine Rolle braucht nicht vorgezeichnet zu sein. Jeder findet seinen eigenen Weg, sie zu tanzen. Ich riskiere es, sie „falsch“ zu interpretieren, wenn der Choreograph sich meinen Part anders vorgestellt hat, aber immerhin habe ich es auf meine eigene Art versucht. Und manchmal geben sie dir doch den Raum, um etwas Eigenes zu schaffen und zu suchen. Das ist dann der beste Fall.

Wenn es aber um die Rollenverteilung geht: steht der Solo-Moment nicht über allem? Dass man sich als Künstler hervorheben will und muss?

Eigentlich ziehe ich es vor, mit jemandem gemeinsam auf der Bühne zu stehen und nicht alleine. Dann kann ich auf ihn reagieren, Berührungspunkte knüpfen. Ich bin auch sehr schüchtern, obwohl viele meiner Mitmenschen das nicht glauben. Natürlich geht es zu einem bestimmten Maß um Wiedererkennungswert, aber dafür tanze ich nicht.

© Fernando Marcos
© Fernando Marcos

Welche Herausforderungen erwarten Dich noch?

Viele, und immer mehr. Allein deshalb, weil ich so spät angefangen habe. Von dort kommt meine Motivation, soviel Erfahrung wie möglich zu sammeln.

Dein letztes Engagement war an der Compania Nacional de Danza in Madrid. Was denkst du darüber, im September zum Gastspiel wieder in die Stadt zurückzukehren?

Es ist sehr komisch. Es ist komisch, gegangen zu sein und jetzt nach einem Jahr wieder anzukommen. Natürlich ist es nett, aber hier fühlt es sich besser an. Berlin ist unglaublich. Ich wollte schon immer hier leben und als sich die Chance dann eröffnete, ließ ich alles stehen und liegen. Alles, was ich dort geschafft habe. Ich finde es so viel einfacher, hier ein Leben aufzubauen als zuletzt in Madrid. Die Offenheit der Menschen ist spürbar. Es fühlt sich so an, als könnte ich Teil jeder möglichen Gruppe sein, solange ich nur möchte. Das ist etwas, was Madrid mir niemals geboten hat.

Es macht auch sicherlich einen Unterschied, in einer neuen Stadt zu leben. Ich kann nicht genau sagen, welchen Einfluss Berlin auf mich nimmt, da ich bisher nur in zwei Werken getanzt habe … aber wir werden sehen, was noch alles auf mich zukommt.

Das Interview führte Dieu Linh Nguyen Xuan.

******************************************************************************************

Lucio Vidal was born in Buenos Aires, Argentinia, and has joined the Corps de ballet of the Staatballett Berlin in January 2015. Surely some were startled at this engagement – at the age of 31 years and with a repertory almost fully built in contemporary companies, he now is part of Germany’s largest, classically trained ballet ensemble.

During his long term engagement at the Compania Nacional de Danza in Madrid, he also spent a year under then Artistic Director Nacho Duato. Lucio Vidal made his Berlin debut in Duato’s choreography “White Darkness” this May and has seemingly not only caught our eyes eversince. Shortly before I begin the interview, a woman approaches us and asks him for a couple of autographs.

What does ballet mean to you?

It’s a lifestyle, a different way of being.

You don’t appear like the usual classically trained ballet dancer. Your approach is modern and quite striking.

Of course it is a different feeling to be in a classically trained ensemble. I’ve never been in a company with more than 30 people before. The rehearsals are different … and the way we learn. Merely standing in the studio. The energies in there are different. In the past, I went to trainings and could completely concentrate on myself. Here, however, you are more aware of other people around you, and of the fact that everyone is presenting himself to the group. In the beginning, it was very hard. I was confused.

When did you know you wanted to become a ballet dancer?

It just developed over the time, I never really dreamt of it. I started very old, at the age of 17. I had many courses in singing and theatre, but only one in ballet. I found ballet incredibly hard but that’s exactly the reason why I began to focus on it more. I took many extra classes and it all came together in the end. I got the offer to sign a contract with San Martin Theatre. But I quit after a year and started to dance in a classical ensemble afterwards. The transition was hard. I’m actually learning ballet in the course of my career.

Did you have idols then? Both dancer and choreographer-wise?

Yes, of course. They are the ones that shape your point of view. Meeting Mats Ek has completely changed myself. Working with him was incredible. He showed me what’s important, gave ballet a whole new meaning to me. He taught me to ask myself things and not merely to do what I get told to. I don’t copy. I try to find my own reasons and motivations. And besides him, I especially admire Jiri Kylian and Nacho Duato.

Do certain roles ever appeal more to you? As for their works, there are barely explicit parts and no names.

That’s true. I like to dance characters … but above all to express anything with my body. Of course, it is more difficult in modern ballets, everything is abstract. They also have a different sensibility. But in the end, it’s up to me. Whatever part I dance, I give it character myself. A role doesn’t need to be prescribed. Everyone finds his own way to dance it. I take the risk of doing it the “wrong” way, when the choreographer imagines your part differently, but at least I try. In some cases though, they give you this space to create something on your own and search. I like that.

When it comes to roles: isn’t the “solo moment” very important after all? As artists want and need to stand out, that the audience recognizes you?

Actually, I do prefer dancing with someone together to dancing alone on stage. There you can respond, you can make “contacts”. I’m also quite shy although many people don’t think of me like that. Of course a certain part is about recognition of the audience but I still dance for myself.

What are some of the challenges ahead?

There are many and there will always be. Just for the reason that I started that late. That’s also where my motivation comes from, the wish to collect more experience.

Your last engagement was at the Compania Nacional de Danza in Madrid. What do you think about returning to the city for the tour in September?

It’s weird. It’s weird to have left and now return after a year. Of course it’s nice but I actually closed that chapter and here, it does feel much better. Berlin is incredible. I always wanted to live here and as soon as the chance came, I dropped everything. I find that creating a life here is much more comfortable than in Madrid. You can sense the open-mindedness of people. It makes you feel that you can fit in any kind of group if you like. That’s something Madrid never did for me.

It surely makes a difference to be in another city. I can’t tell what certain impact Berlin has on me since I just danced two pieces here but we’ll see what’s coming on next.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s